München/Heppenheim Wut, Ekel, Ohnmacht

EPD 28.09.2012

Der als Kind in der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim sexuell missbrauchte Jürgen Dehmers erhält den Münchner Geschwister-Scholl-Preis 2012. Ihm werde die Auszeichnung für sein Buch "Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch" verliehen, teilte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Landesverband Bayern, gestern in München mit. Der mit 10 000 Euro dotierte Geschwister-Scholl-Preis wird am 26. November beim Literaturfest München übergeben.

Das unter dem Pseudonym "Jürgen Dehmers" schreibende Missbrauchsopfer schildert präzise, was ihm und anderen Schülern angetan wurde. Dehmers beschreibt auch die "Folgen einer Traumatisierung durch sexuellen Missbrauch - Gefühle der Ohnmacht, Angst, Wut, Ekel, Störungen der Persönlichkeitsentwicklung, bis hin zu Suchtkrankheiten und Suizidgefahr".

Opfer sexuellen Missbrauchs äußerten sich selten öffentlich. Die Jury würdige daher als "seltenes Beispiel von Mut", dass Jürgen Dehmers es gewagt hat, das Schweigen zu durchbrechen: "Er deckt die Mechanismen auf von Vertuschung, Verschweigen, Abhängigkeit, Bedrohung, die einen fortgesetzten Missbrauch erst möglich machen." Dehmers Buch sei daher ein notwendiger Appell, solchen Missbrauch zu unterbinden, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um Opfern zu helfen sowie die Täter zu bestrafen.

Der Geschwister-Scholl-Preis wird zum 33. Mal vergeben. Zu den bisherigen Preisträgern zählen der heutige Bundespräsident Joachim Gauck und der israelische Schriftsteller David Grossmann.