Künstlerorte Worpswede: Unter den großen Himmeln

Worpswede / Jürgen Kanold 09.08.2018

Es geschieht so viel. Unter den großen Himmeln liegen flach die dunkelnden farbigen Felder, weite Hügelwellen voll bewegter Erika, daran grenzend Stoppelfelder und eben gemähter Buchweizen, der mit seinem Stengelrot und dem Gelb seiner Blätter köstlichem Seidenstoff gleicht . . .

Auch Rainer Maria Rilke konnte sich in Worpswede gar nicht satt sehen.  Dort, nahe Bremen, lebten im Teufelsmoor um 1900 aber vor allem die stadtflüchtigen Maler in der einfachen Naturschönheit den Jugendstil aus und wirkten in die Moderne hinein.

Ein berühmtes, ja ikonografisches Bild mit den Protagonisten der Künstlerkolonie schuf Heinrich Vogeler: „Das Konzert“ zeigt einen Sommerabend auf dem Barkenhoff; die Bauernkate hatte der Maler, Architekt und Gestalter 1895 erworben und zu einem Gesamtkunstwerk verwandelt, das als Wohnhaus wie Salon diente und später als Kommune. Auch Thomas Mann und Gerhart Hauptmann waren zu Gast. Das großformatige Gemälde (1905 vollendet) zeigt neben Vogeler auch Otto Modersohn, dessen Frau Paula Modersohn-Becker oder die Bildhauerin Clara Westhoff, die mit Rilke verheiratet war.

Der Gatte allerdings ist nicht auf dem Bild präsent, was den Autor Klaus Modick vor ein paar Jahren zu seinem Roman „Konzert ohne Dichter“ inspirierte. Wer nun Rilkes Worpsweder „Monographie einer Landschaft und ihrer Maler“ und auch den Modick gelesen hat, ist bestens eingestimmt auf dieses fast mythische Dorf, das aber bis heute lebt: Rund 130 Künstler und Kunsthandwerker wohnen in der Gemeinde,  und die Dichte an Museen und Galerien scheint für eine 5000-Einwohner-Gemeinde ziemlich einzigartig zu sein.

In der „Großen Kunstschau“, dem von Expressionisten Bernhard Hoetger entworfenen Ziegelsteinbau aus den 20er Jahren, hängt bewundernswert auch „Das Konzert“ – und wer dann über den Weyerberg ein paar Minuten hinunterspaziert zum Barkenhoff, kann auch den Sommerabend am Originalschauplatz erleben. An der Freitreppe beschleicht einen das Gefühl, vor einer sehr bekannten theatralischen Kulisse zu stehen, der die Akteure abhandengekommen sind. Der Barkenhoff selbst aber ist mittlerweile ein feines, sehr stimmungsvolles, dem Werk Heinrich Vogelers gewidmetes Museum.

Glutvolle Wolken

Es war allerdings Fritz Mackensen, der 1884 als junger Kunststudent Worpswede entdeckte. Das Licht- und Farbenspiel im Norden, der Nebel und Regen und die Sonne im moorschwarzen Land, die Wiesen und Felder, die Kiefern, Birken und die Wasserläufe, auf denen Torfkähne segelten. Und natürlich die Wolken: „Die köstlichsten Gebilde leuchtendster Glut, darunter dunkler Acker mit krapprotem Buchweizenstoppel . . .“, schwärmte Mackensen. Er besuchte in den nächsten Ferien erneut Worpswede, und 1889 brachte er Otto Modersohn mit, der ebenso von den französischen Landschaftsmalern Corot und Millet aus der „Schule von Barbizon“ begeistert war und ihnen nacheifern wollte.

Als im August noch der nicht minder euphorisierte Hans am Ende dazustieß, wollten die jungen Herren gar nicht mehr weg und auch den Winter im Moor verbringen: „Die Gegend wird immer großartiger“, berichtete Modersohn. „Wir werden Feuer und Flamme, fort mit den Akademien, nieder mit den Professoren und Lehrern, die Natur ist unsere Lehrerin und danach müssen wir handeln.“ Das taten sie, Worpswede wurde Wahlheimat und Programm – und eine Künstlerkolonie, zu deren Ur-Besetzung noch Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler gehörten.

Zurück zur Natur – das ist auf dem Höhepunkt der industriellen Revolution ein tief empfundener bildnerischer Ausdruck. Selbstverständlich standen die Maler im Fokus konservativer Kritik, hatten aber schnell Erfolg: 1895 geriet die erste Ausstellung der Worpsweder in der Bremer Kunsthalle zum Triumph, auch im Münchner Glaspalast waren Modersohn, Mackensen und Co. das Ereignis der Saison.

Bald reisten die ersten Künstler, auch im Streit, wieder ab, Vogelers Barkenhoff wurde das gesellschaftliche Zentrum. Und eine Frau war es, die Worpswede und vor allem die einfachen Menschen dort, am nachhaltigsten in der Kunstgeschichte verewigte: Paula Modersohn-Becker, die so herbe frühexpressionistische Porträts malte, aber 1907 schon, mit nur 31 Jahren starb.

Otto Modersohn zog dann 1908 weiter ins nicht weit entfernt gelegene Fischerhude – auch ein Dorf der Maler und herrlich malerisch aus der Zeit gefallen. Die Urenkelin des Künstlers ist dort an der Kasse des kleinen Modersohn-Museums anzutreffen – aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Vier Museen im Verbund

Tourismus Worpswede ist kein Museumsdorf, sondern ein Ort mit vielen Museen. Mehrere Generationen von Künstlern wirkten dort, auch Georg Tappert und Lisel Oppel oder nach dem Zweiten Weltkrieg der Surrealist Richard Oelze. Heute leben 130 Künstler und Kunsthandwerker in der Gemeinde. Die vier Museen haben sich zu einem Verbund zusammengeschlossen: Der Barkenhoff mit dem Heinrich-Vogeler-Museum, die Große Kunstschau Worpswede, das Haus im Schluh mit einer Vogeler-Sammlung sowie die Worpsweder Kunsthalle. Zum Jahresprogramm gehört die Vergabe eines Paula Modersohn-Becker Kunstpreises. Info: www.worpswede-museen.de

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