Pop Wolfgang Niedecken: Am Rhein und am Mississippi

Mit seinem „Familienalbum“ unterwegs: Wolfgang Niedecken.
Mit seinem „Familienalbum“ unterwegs: Wolfgang Niedecken. © Foto: Oliver Berg/dpa
Köln / Boris Kruse 28.05.2018

Irgendwann kommt wohl jeder Kunstschaffende an den Punkt, sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Und die kreativen Wurzeln freizulegen. Wolfgang Niedecken ist schon eine ganze Weile von seiner Spurensuche in Anspruch genommen. Sie führte den Sänger der Kölschrocker BAP zurück in die Vergangenheit des Rheinlandes. Was zu erwarten war. Sie führte ihn aber auch in den Süden der USA, ins sumpfige Flussdelta des Mississippi, in die Musikmetropole New Orleans.

Dort hat Niedecken die Songs zu seinem jüngsten Soloalbum eingespielt, mit örtlichen Profis wie dem Bassisten Roscoe Beck. Es sind überwiegend ältere Lieder, die schon auf früheren Alben zu finden waren. Sie alle eint, dass der 67-Jährige die Geschichte seiner durch Krieg und Not durcheinandergewirbelten Familie aufrollt. „Reinrassije Strooßekööter“ hat er die autobiografische Sammlung getauft, „reinrassige Straßenköter“. Und die streunern musikalisch an den Ufern des Mississippi und des Rheins umher – Soul, Jazz und Blues neben rumpelig-rauem Kölschrock.

New Orleans: Im Stadtteil Algiers quartierte Niedecken sich für die Aufnahmen ein, ein kultureller Schmelztiegel mit bewegter Vergangenheit. Einst wurden dort die aus Afrika verschifften Sklaven untergebracht, bevor sie am anderen Flussufer der Fron ihrer Arbeit zugewiesen wurden. Später siedelten dort vor allem französischsprachige Kanadier.

Sie alle brachten die Zutaten mit, die das musikalische Erbe der Stadt ausmachen, in der der Jazz und der Blues entstanden sind und bis heute kultiviert werden. „Die Stadt vibriert“, schwärmt Niedecken. Natürlich hat er auch einige dieser typischen Taxifahrer-Anekdoten aus New Orleans mitgebracht. Da hätte ihn einer sogleich als Musiker identifiziert, natürlich selbst ein verkanntes Genie. Gerade am Flughafen angekommen, sah sich Niedecken in der Schwüle des Südstaaten-Sommers schon in eine Blues-Fachsimpelei verstrickt.

Die Aufnahmen haben ihn inspiriert. Und wenn es auch ein Soloalbum war, finden die Vibrationen aus der Hurrikan-geschädigten Metropole im Mississippi-Delta doch Eingang in seine Arbeit mit BAP. Das ist schließlich Niedeckens Lebensprojekt. Nun geht die Band erstmals mit einer Bläsersektion auf Tour. Großes Besteck auf einer Bühne, die im New-Orleans-Stil dekoriert sein soll: „Das haben wir uns früher nie gestattet.“

Kein Luftgitarrentanz

Es dürften lange Konzertabende werden, in deren Verlauf auch weniger bekannte BAP-Stücke neu erstrahlen: „Man darf nicht in die Falle tappen, immer nur die Big Hits zu spielen.“ Besondere Showeinlagen sind trotz der frisch entdeckten Liebe zum epischen Klang nicht zu erwarten: „Ich bin ein fürchterlicher Luftgitarrentänzer“.

Niedecken mag schon einige Jahrzehnte im Geschäft sein. Aber wenn er so ins Erzählen kommt, wird klar: Er ist bis heute ein Überzeugungstäter geblieben. Einer, der sich nach wie vor für das musikalische Handwerk begeistert. Und das hat der Kölner, so sehr seine Lieder auch im rheinischen Idiom verwurzelt sein mögen, nun einmal von den amerikanischen Protestsängern erlernt. In den 70ern zog Niedecken mit Gitarre und Mundharmonika durch die Kölner Kneipen, so wie einst Bob Dylan in New York. Das Lebenswerk Dylans hat Niedecken ausgiebig studiert, immer wieder. Diese Exegese kulminierte 1995 in dem Soloalbum „Leopardefell“, für das Niedecken Lieder des heutigen Literaturnobelpreisträgers in die Kölner Mundart übersetzt hat.

Ein Protestsänger ist Niedecken im Grunde ja auch. Außerhalb der BAP-Fangemeinde wird er ohnehin vor allem als eine Art soziales Gewissen der Rockmusik gesehen. Seit 1998 ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes. Natürlich werde er auf der Bühne auch wieder „in die Niederungen der Politik absteigen“. Er sagt es mehr so nebenher.

Vielleicht ist das Wühlen in alten Fotokartons gerade einfach wichtiger. Schon sein voriges Soloalbum „Zosamme alt“ hatte Niedecken 2012 an einem mythenbehafteten Ort der US-Musikkultur aufgenommen: in Woodstock. Die Lieder darauf sind Liebeserklärungen an seine Frau Tina, eine Fotografin.

Nach dem Woodstock- und dem New-Orleans-Album soll es auch noch ein drittes autobiografisches Album geben. Fans dürfen gespannt sein, in welchen Tönen Niedecken dann über seine eigenen Kinder singt. Die hat der „Bapp“ – das ist kölsch für „Vater“ und tatsächlich der Ursprung des Bandnamen – bislang noch ausgeklammert.

Deren musikalische Vorlieben seien jedoch anders geartet. „Die hören Hip-Hop. Auch punkige Sachen. Und die Mädchen mehr so Tanzbares.“ Natürlich kommentiert der Nachwuchs hin und wieder neue Lieder des „Bapp“. Der Versuch, sich mit poppigen Sounds beim Zeitgeist anzubiedern, sei bei ihnen aber durchgefallen: „Papa, das bist du nicht.“ Das will er nicht mehr hören.

Im siebten Lebensjahrzehnt muss Niedecken sich nicht mehr neu erfinden. Er ist schon gut damit beschäftigt, den Ursprüngen seiner musikalischen „Strooßekööter“ nachzuspüren.

In Kempten, Stuttgart und München

Tour Nach einem spielfreien Jahr für Niedeckens BAP geht die Kölner Rockband wieder auf Tournee. Start ist morgen, Dienstag, in der Bigbox Kempten. Danach sind bis Herbst etwa 40 Auftritte in Deutschland und in der Schweiz geplant. In der Stuttgarter Liederhalle spielt Niedecken am Mittwoch, im Münchner Circus-Krone-Bau am 5. und 6. Juni.

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