Literatur Woher die Wut kommt

Der Autor Lukas Rietzschel.
Der Autor Lukas Rietzschel. © Foto: Gerald von Foris
Ulm / Jürgen Kanold 15.09.2018

Der Sprengmeister drückt auf den Knopf. „Der Schornstein klappte zusammen wie das Gelenk eines dürren Fingers.“ Ausgezehrt zeigt sich das ganze Land, die Lausitz bei Görlitz. Generationen hatten im Schamottewerk gearbeitet, bis es nach der Wende dichtmachte: die Söhne und Väter, und auch der Großvater von Philipp und Tobias. Der Schornstein fällt in sich zusammen wie gelebtes Leben und das Heimatgefühl, und es gibt auch sonst fast nichts, an dem man sich festhalten könnte.

Der Neuntklässler Philipp gehört an diesem Nachmittag nicht zum klatschenden oder weinenden Volk. Er ist daheim auf Bilder von einem Mann gestoßen, der im Auto mit ausgestrecktem Arm an einer Menschenmenge vorbeifährt, die ihn anhimmelt. Dann probiert auch Philipp diese Pose aus. Immer wieder: „Vielleicht war es das Blut, das sich auf einmal so schnell in seinem Körper bewegte. Aber das fühlte sich gut an, verboten und mächtig.“

Der junge Autor Lukas Rietzschel erzählt diese Geschichte, er ist gerade mal 24 Jahre alt und selbst in einem Dorf in Ostsachsen aufgewachsen. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ heißt sein Roman-Debüt, es  ist ein hoch aktuelles Buch in diesen Zeiten, wo der braune Mob öffentlich den Hitlergruß zeigt, durch die Straßen nicht nur von Chemnitz zieht, und die AfD im Osten mancherorts schon die stärkste politische Kraft ist. Wie konnte es nur so weit kommen?

Einfache Erklärungen verbreitet auch Rietzschel nicht, er hat einen Roman geschrieben: Er schildert die Chronik eines gleichermaßen familiären wie gesellschaftlichen Zusammenbruchs. Sie beginnt in einem heißen Sommer des Jahres 2000, als die Eltern von Tobias und Philipp voller Optimismus ein Eigenheim bauen, und sie endet 2015, als auch in ihrem Dorf Flüchtlinge in einer geschlossenen Schule untergebracht werden sollen. Ihre Familie ist längst zerstört, und jetzt entlädt sich bei einem der Brüder der Hass, die Wut . . .

Rietzschel schreibt kurze, lapidare Sätze, knallt dem Leser auch mal einfach welche ohne Verb hin. Er analysiert nicht, liefert keine Psychogramme von Neonazis. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die beide die Realschule abschließen, einen Ausbildungsplatz finden und trotzdem ins rechtsradikale Milieu geraten, weil  es – sehr erschreckend – in der Trostlosigkeit des Alltags dazu kaum eine Alternative zu geben scheint. Toll sein wollen in der Schule, dabei sein, in der Gartenlaube saufen; und dann ist da ein älterer Typ namens Menzel, ein zündelnder Anführer, der die Jungs auch mal dazu verführt, einer muslimischen Familie Schweinefleisch vors Haus zu werfen.

Leere, Langeweile im Dorf, das Gefühl, fremd im eigenen Leben zu sein. Und eine Geschichtsvergessenheit und Identitätskrise. In der DDR, wo der Antifaschismus eine Staatsdoktrin war, überlebte durchaus braunes Gedankengut,  sprach aber niemand über aufkommenden Neo-Nazismus – und nach 1989 sollte auch die DDR plötzlich kein Thema mehr sein.

Brüche, Unverarbeitetes, Unwissenheit. Da braut sich eine üble Befindlichkeit aus Ängsten, Verlustgefühlen und Enttäuschungen zusammen: Als Tobias im Fernsehen die Flüchtlinge sieht, erinnert er sich an die rassistischen Ausschreitungen in Rostock und Hoyerswerda. „Schrecklich, ja. Irgendwie. Aber so war Widerstand. War doch logisch, dass die alte DDR sich wehren würde.“ Solche Sätze aus der Innenperspektive Jugendlicher rütteln den Leser auf.

In einem Interview sagte Rietz­schel: „Die Sympathien für den rechten Rand sind aber auch ein Jugendprotest. Bei aller raunenden Zustimmung zu den Rechten, die durch die Gesellschaft geistert, sind Hakenkreuze etwas Verbotenes. Wenn man sie auf einen Stein neben der Schule malt, grenzt man sich von den Eltern und anderen ab, findet Zusammenhalt unter Gleichaltrigen, kann gegen die Gesellschaft rebellieren, in der man leben muss.“ Ja, aber dann müsste man erwachsen werden, gebildet, die richtigen Freunde finden, Vertrauen, Hilfe. Rietzschels Roman bietet ein solches Happy End nicht.

Politisch engagiert in Görlitz

Der Autor Lukas Rietzschel wurde 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen geboren. Er hat in Kassel Politikwissenschaft studiert,  2012 wurde sein erster Text im „ZEIT Magazin“ veröffentlicht, seitdem folgten Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien. 2017 war er Gewinner bei „poet / bewegt“. Für das Manuskript seines Romandebüts wurde Rietzschel mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur ausgezeichnet. Rietzschel lebt in Görlitz, er engagiert sich politisch, hat sich unter anderem an den Aktionen gegen das Neonazi-Festival „Schild und Schwert“ in Ostritz beteiligt. In seiner Magisterarbeit beschäftigt er sich mit einem Konzept für ein jüdisches Museum in Görlitz.

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