Stuttgart Wo die Königin der Instrumente tief blicken lässt

Judith Angster und Doktorant Tim Preukschat führen im Stuttgarter Fraunhofer-Institut eine Messung an der Forschungsorgel durch. Foto: dpa
Judith Angster und Doktorant Tim Preukschat führen im Stuttgarter Fraunhofer-Institut eine Messung an der Forschungsorgel durch. Foto: dpa
Stuttgart / ROLAND BÖHM, DPA 24.12.2013
Orgeln umweht meist etwas Mysteriöses. Nicht so in Stuttgart: Forscher wollen kein Geheimnis der "Königin der Instrumente" ungelüftet lassen.

Eben noch sanftes Pianissimo, jetzt donnerndes Fortissimo: Mit ihrem besonderen Klang ziehen Orgeln Millionen in ihren Bann, gerade an Weihnachten. In Stuttgart gehen Forscher den mysteriösen Pfeifentönen auf den Grund: Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) hat nach eigenen Angaben die weltweit einzige Orgel, die der hohen Wissenschaft dient.

Klang soll planbarer werden. Dafür lässt die "Königin der Instrumente" am Stuttgarter Uni-Campus tief blicken. Im Gegensatz zu den stets mehrere 10 000 Euro teuren Orgeln in Kirchen oder Konzertsälen ist das Innenleben der Forschungsorgel leicht einsehbar. Einige Gehäuseteile sind aus Acrylglas gefertigt; andere so, dass sie mit wenigen Handgriffen ausgetauscht werden können. Die physikalischen Vorgänge, die dem Orgelklang zugrunde liegen, können in allen Einzelheiten erforscht werden.

Die Herrin der Forschungsorgel ist Judit Angster. Die Physikerin hat die Liebe zu dem Instrument in die Wiege gelegt bekommen. Sie stammt aus einer traditionsreichen ungarischen Orgelbauerfamilie mit einst 100 Beschäftigten in Pécs. Eine Angster-Orgel steht in der Basilika von Budapest.

Angster leitet die Musikalische Akustik am Fraunhofer-Institut, die auch andere Instrumente erforscht. "Mein Vater hat gesagt: Die Orgelbauer haben große Probleme", erinnert sich Angster. Probleme, die sich daraus ergeben, dass Orgelbau eine traditionelle Handwerkskunst. "Das Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben." Das Wissen sei überliefert, sagt auch Frank Weimbs, Vizechef des Bunds Deutscher Orgelbaumeister. Wissenschaftlich unterfüttert und weiterentwickelt worden sei da das Wenigste. "Wenn man früher ein Problem hatte, hat man einfach irgendwas gemacht, irgendwas ausprobiert, um es zu lösen." Dieses traditionelle System sei teuer und zeitaufwändig, Hilfe von Wissenschaftlern immer gut.

Nun können die Forscher mit speziellen Messgeräten zeigen, welche Effekte Veränderungen in Geometrie oder im Material haben. An Hochgeschwindigkeitskameras und im Labor beobachten die Forscher die Schwingungen von Pfeifenzungen. Und wem soll das helfen? In erster Linie den Orgelbauern direkt. 80 gebe es noch in der Hochburg Baden-Württemberg. Bundesweit dürfte es laut BDO 200 bis 250 vor allem kleine oder mittelständische Orgelbauer geben, mehr als in jedem anderen europäischen Land.

"Jede Orgel ist ein Unikat", weiß Angster. Jeder Raum hat andere Voraussetzungen, anderen Widerhall, anderen Nachhall. Da sei es schwer, im Voraus die Dimensionen zu planen. Eine Software des Instituts soll den Orgelbauern helfen, die optimalen Maße der Pfeifen zu ermitteln. Das spart lange, teure Versuchsreihen und Produktionskosten.

Auch Windsysteme wurden hier entwickelt. Ging früher der Orgel beim Umschalten von einem ganz hohen Ton, der weniger Luft braucht, auf einen Akkord der riesigen Basspfeifen mit ihrem hohen Luftbedarf schon mal ein wenig die Puste aus, bleibt dieser Effekt beim Stuttgarter System weitgehend aus. Wichtig für Orgelplaner - den faszinierten Zuhörern dürfte dieser feine Unterschied gleich sein.

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