Wir sind Teil der Choreografie

WILHELM TRIEBOLD 01.12.2012
Die glorreichste Ballettinszenierung aller Zeiten feiert ihren runden Fünfzigsten

. Am Sonntag wird am Stuttgarter Ballett mit einer Allstar-Gala John Crankos "Romeo und Julia" aufgeführt, zum 609. Mal seit 1962.

Was erwartet uns am Sonntag?

MARCIA HAYDÉE: Wie so oft in Stuttgart etwas Besonderes. Und wenn es eine Gala ist, dann ist es noch mehr besonders. Diese hier ist ganz wichtig: John Crankos "Romeo und Julia" war der Anfang vom Stuttgarter Ballett. Der erste ganz große Erfolg. Der Durchbruch.

Hatte sich das gleich angedeutet?

HAYDÉE: Cranko hat zwar vorher schon "Romeo und Julia" gemacht, in Mailand. Doch das war jetzt völlig neu. Total anders. Ich war natürlich glücklich, denn Cranko hat die Figur der Julia ganz für mich kreiert. Das ist eine Traumrolle. Aber man kann nie vor einer Premiere sagen, das wird ein großer Erfolg. Es kann sein, es geht alles schief oder das Publikum mags nicht. Aber bei "Romeo und Julia" ist das schwierig, mit der tollen Geschichte und dieser Musik von Prokofjew. Crankos Choreografie ist für mich immer noch die beste Version überhaupt.

Mr. Barra, anders als Marcia Haydée waren sie bereits vor der Ära Cranko am Stuttgarter Staatstheater. Sie waren der Stuttgarter Ur-Romeo, in einer anderen Version - vor Cranko.

RAY BARRA: Ja, sie stammte von Werner Ulbrich, einem Ostdeutschen. Und die war natürlich ganz anders. Erst dann habe ich begriffen: Romeo ist kein Träumer. Er sucht eine Liebe, wie ein Wahnsinniger. Cranko hat die Geschichte erzählt. Zu uns hat er wenig gesagt. Manchmal nur: Lies mal das Stück! Ich habe aber auch etwas dazugegeben zu "Romeo und Julia". Am Ende des Balkon-Pas de deux habe ich mich hochgestemmt, um Julia zu küssen. Und genauso machen sie das immer noch!

HAYDÉE: John Cranko hat uns Freiheiten gegeben und dann genommen, was er brauchen konnte. Darum sind wir Teil der Choreografie.

Wie viel Marcia ist denn in Julia?

HAYDÉE: Sehr viel. In allen Balletten, die John Cranko mit uns gemacht hat, ist viel von den Tänzern. Er wusste, was er wollte, für jede Szene. Das hat er Schritt für Schritt mit uns verwirklicht. Das Verhältnis zwischen Choreograf und Tänzern musste sehr eng sein bei Cranko. Aber psychologisch hat er nie gearbeitet. Er wusste, dass wir wissen, was "Romeo und Julia" ist. Bei Cranko war wichtig: Jeder Schritt, jede Bewegung auf der Bühne bedeutet etwas. Cranko hat, um etwas zu sagen, immer die ganz gerade Autobahn genommen. Andere Choreografen nehmen die Landstraße, dann mal die Autobahn, dann wieder die Landstraße. Bei ihm ging es immer direkt.

Mehrere Generationen der Stuttgarter Compagnie haben "Romeo und Julia" in den letzten fünf Jahrzehnten getanzt. Verändern unterschiedliche Persönlichkeiten das Stück?

HAYDÉE: Nicht immer. Aber es wird Erfahrung weiter gegeben. Als Ray Barra aufhören musste wegen seiner Achillesferse, hat Richard Cragun genau gemacht, was Ray ihm riet. Später hat er immer betont: Ray hat mir das alles beigebracht. Das hat sich dann fortgesetzt.

Darf man Kleinigkeiten verändern oder verbessern? Oder ist alles sakrosankt wie eine Partitur?

HAYDÉE: Die Choreografie ist da. Man kann sich mal rechts herum drehen statt nach links, aber nur in der Choreografie. Cranko hat zu mir nie gesagt, wie ich die Arme halten oder bewegen sollte. Ich blicke auf eine so lange Karriere zurück, weil ich vieles der Choreografen übersetzt habe mit meinem Körper, wie es für mich besser war.

Crankos Fassung findet sich auch anderswo im Repertoire, etwa in München oder Wien. Wie schafft man, dass alles taufrisch bleibt?

HAYDÉE: Man muss den Tänzern die gleichen Freiheiten geben, die Cranko uns gegeben hat. Also keine Kopien von dem machen, was wir damals getanzt haben. Sicher, die Choreografie muss immer gleich sein. Aber mit der Ausstrahlung, der Interpretation muss jeder sein Eigenes mitbringen. Dazu haben die Tänzer heute, gerade auch in Stuttgart, eine physikalische Befähigung, die wir damals nicht hatten.

BARRA: Was die heute machen, das ist wirklich Olympiade!

Zuerst jahrelang die liebreizende Julia, dann die strenge Lady Capulet, und jetzt interpretiert Marcia Haydée zum allerersten Mal die Amme?

HAYDÉE: Ich nehme mir die Freiheit, die Amme jetzt so zu spielen, wie ich denke, dass Cranko sie jetzt mit mir erarbeitet hätte. Wie davor die Capulet oder am Anfang die Julia. Weil wir wissen, was Cranko wollte, finden wir den Weg.

BARRA: Aber die Choreografie bleibt!

HAYDÉE: Zum Beispiel, wenn die Amme und Julia auf der Bühne sind: Die Richtung muss stimmen. Aber wie man läuft, erfindet jeder selbst, das ist Interpretation.

Das ist der Spielraum.

HAYDÉE: Die Lady ist streng, aber die Amme ist lustig. Das wird meine Amme auch!

BARRA: Entzückend!

HAYDÉE: In anderen Compagnien sind Altersrollen oft bei jungen Leuten, die auf alt geschminkt werden. Hier hat jetzt jeder von uns das richtige Alter für den Part, den wir spielen. Das ist einmalig. In Kanada habe ich die Julia mal in jungen Jahren getanzt. Da war die Amme noch jünger. Wie kann das sein? Darauf hat Cranko immer Wert gelegt: Auch das Alter muss stimmen.

Wie lange werden Sie das Nationalballett in Santiago de Chile leiten?

HAYDÉE: Sie wollten mir dort einen Vertrag anbieten, bis ich sterbe. Aber ich weiß ja nicht, ob ich so lange Lust dazu habe. Jetzt sollte ich einen Vertrag für drei Jahre unterschreiben. Aber ich mache das Jahr für Jahr. Und bin ja auch schon zehn Jahre dort. Sicher, von Chile aus ist es nicht so weit nach Brasilien zu meiner Familie, zu meiner Mutter, die 96 ist. Aber ich brauche auch Europa. Acht Monate im Jahr bin ich in Chile. Aber in Santiago stehe ich nie auf der Bühne. Nur hier, weil es meine Heimat ist. Ich brauche die Schwäbische Alb, die schlechte Luft von Stuttgart, die deutsche Mentalität.

Und Sie, Herr Barra?

BARRA: Ich lebe in Spanien, arbeite aber viel in Deutschland, besonders in München, und komme gerade aus London. Ohne Ballett kann ich nicht leben. Und meine beste Zeit war bei Cranko. Er war meine Inspiration. Stuttgart war fabelhaft. Die Kantine war unser Esszimmer . . .

HAYDÉE: . . . unsere Heimat . . .

BARRA: . . . und bei Maultaschen sind wir alle gerannt.

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