München Wimmelbilder - jetzt auch als App

Die Hand des Meisters: Ali Mitgutsch lässt es wimmeln. Foto: Hanna Spengler
Die Hand des Meisters: Ali Mitgutsch lässt es wimmeln. Foto: Hanna Spengler
München / HANNA SPENGLER, EPD 05.03.2013
Kinder sind genauso fasziniert wie Eltern und Großeltern: Wimmelbücher mit ihren großformatigen Alltagsszenen sind seit Jahrzehnten beliebt.

In der Stadtbücherei von Wangen im Allgäu stecken Franka (7) und Melina (8) die Köpfe zusammen. "Schau mal der kleine Junge, der das rothaarige Mädchen nassspritzt", sagt Franka. Melina entdeckt eine Familie, die vor dem Schild "F.K.K." nackig die Sonne genießt. Etwas weiter küsst sich ein Liebespärchen im Strandkorb, und eine Gruppe Langhaariger singt zur Gitarre im Sand.

Anfang der 70er kamen die ersten Wimmelbücher des Münchner Autors und Illustrators Ali Mitgutsch auf den Markt: Großformatige textlose Bilderbücher, deren Doppelseiten jeweils ein detailreiches Panoramabild mit einer Fülle von Figuren zeigen. Die Idee der "sich selbst erzählenden Bilderbücher" wurde seither unter anderen von Rotraut Susanne Berner, Eva Scherbarth, Lila L. Leiber, Hans Jürgen Press, Stefanie Scharnberg und Susanne Firgau weiterentwickelt.

Auf Mitgutschs Bildern wuselt, gackert, schimpft, rattert und wiehert es. Schon als kleiner Junge faszinierten den jungen Ali bei Wallfahrten die großen Glasschaukästen, sogenannte Dioramen, bei denen detailreich inszenierte bäuerliche Szenen zu sehen waren. "Da war ein Bergsteiger, der eine Baumrinde hochkletterte, eine Bäuerin, die Hühner gefüttert hat, ein Dach mit Tauben. Ich dachte, so müssen Bücher für Kinder gemacht sein, damit sie interessant sind", erzählt der heute 77-Jährige. In Mitgutschs Wimmelbüchern erkennt der Leser sich wieder, weil die Szenen aus dem Leben gegriffen sind. Es wimmelt von lachenden und weinenden, entrüsteten, eitlen, schadenfrohen und beschämten Gesichtern.

Mitgutschs Darstellungen sind humoristisch, teils schablonenhaft. Doch er ist überzeugt: "Kinder benötigen Vereinfachung. Die Welt muss für sie auf eine handliche Größe eingedampft werden; nur dann kann Beziehung entstehen." In der Einfachheit der Darstellung sieht auch der Münchner Kinderbuchautor und Mitgutsch-Biograf Ingmar Gregorzewski einen Grund für den Erfolg der Bücher. Die Gesten und Gefühle der Personen, die Tiere und auch die Landschaften seien stets eindeutig, Kinder fänden "eine Welt der Verlässlichkeit" vor.

Laut Heike Herd-Reppner vom Ravensburger Verlag sind Wimmelbücher seit Jahren stark nachgefragt. Im Verlag gibt es bereits drei Ali-Mitgutsch-Apps, bei denen die Betrachter in das Wimmelbild hineinzoomen, Geräusche hören und Fotos machen könnten.

Eine der derzeit bekanntesten Wimmelbuch-Autorinnen ist Rotraut Susanne Berner mit ihren durchgängig erzählten Bildergeschichten aus der Stadt Wimmlingen. Sie weiß um den pädagogischen Nutzen der Werke: Wimmelbücher bieten Sprechanlässe und fördern somit die Sprache. "Und so eignen sich die Bücher nicht nur für Kinder, sondern auch für ältere Menschen, deren Gedächtnis nachgelassen hat und die durch die Bilder wieder zum Sprechen und Erzählen motiviert werden können", sagt die Autorin.

Auch in der Stadtbücherei Wangen ist die Nachfrage ungebrochen. Melina und Franka amüsieren sich indes über einen kleinen Jungen, der in einem Mitgutsch-Buch verstohlen gegen einen Pfosten pinkelt. "Das wimmelt wirklich überall", lacht Melina.

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