Die Plattensammlung hat ausgedient. Denn wer sich heute sein eigens Musikprogramm zusammenstellen will, kann das tun, ohne vorher ein kleines Vermögen für CDs oder gar für hochwertiges Vinyl ausgegeben zu haben. Das ist zwar nicht ganz neu, weil illegale Downloads die Musikindustrie schon seit Jahren an den Rand des Ruins gebracht hatten. Doch gibt es einen legalen Weg, sich komfortabel und per Mausclick seine Lieblingssongs zusammenzustellen: Streaming. Dabei kann man seine Wunschtitel im Internet aussuchen und sie anhören, gespeichert werden die Titel aber nicht. Dafür bezahlt der Nutzer eine Abo-Gebühr an einen Streaming-Dienst, die pro Monat meist weniger als eine CD kostet, oder er nutzt Gratis-Dienste, die sich durch Werbung finanzieren, aber oft auch eine geringere Tonqualität bieten.

 

Musik wird gemietet statt gekauft. Und zwar jede Menge Musik. Die Marktführer bieten mehr als 30 Millionen Titel an. Rechnet man nur drei Minuten pro Titel, sind das 171 Jahre Musik. Ein Schlaraffenland für die Nutzer.

Doch wer bezahlt diese Völlerei zum Fast-Nulltarif? Vor allem die Musiker. Wobei man zwischen Komponisten und Text-Autoren und rein reproduzierenden Musikern unterscheiden muss. Die Urheber werden von der Gema vertreten, die von den Streaming-Diensten eine Lizenzgebühr kassiert – wie bei Vinyl-Platten, CDs und bei den Radiostationen.

Anders sieht es bei den rein technischen Lizenzen aus. Die haben die Bands in Zeiten der Vinylscheiben und der CDs mit der Plattenfirma ausgehandelt. Wobei der Grundsatz galt, je erfolgreicher ein Künstler, umso höher der Prozentsatz pro verkaufter Platte. Nur: In den älteren Verträgen ist nicht geregelt, welcher Anteil für die digitale Verbreitung zu fließen hat. Und in Sachen Streaming-Dienste gibt es auch keine Institution, die die Musiker vertreten könnte.

Die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL), die etwa bei den Radiostationen ihren Obolus für die Musiker eintreibt, ist beim Streaming außen vor, erklärt deren Geschäftsführer Dr. Tilo Gerlach. Die Streaming-Dienste bezahlten zwar Lizenzgebühren an die Plattenfirmen, ob und in welchem Umfang dieses Geld an die Musiker weiterfließe, sei aber unklar. „Da ist jeder selbst auf sein Verhandlungsgeschick angewiesen“, sagt Gerlach, der auf Seiten der meisten Musiker aber vor allem „Verhandlungsohnmacht“ konstatiert. Mit ihren Pfunden wuchern könnten eben auch beim Streaming nur die besonders Erfolgreichen. Und die verweigern sich den Streamingdiensten nur zu gerne, wie etwa die Toten Hosen, Herbert Grönemeyer oder Adele.

Was für andere durchaus populäre Künstler übrigbleibt, hat Geoff Barrow, der Kopf der Band Portishead, vor einigen Monaten getwittert: 1700 Britische Pfund für 34 Millionen Streams von Portishead-Titeln – 0,0065 Euro-Cent pro Aufruf. Zum Vergleich: Der vor fünf Jahren verstorbene Gerry Rafferty nahm alleine für seinen Hit „Baker Street“ pro Jahr 80 000 Pfund an Radio-Tantiemen ein. Das Ungleichgewicht zwischen Radio-und Online-Lizenzen zeigt auch der Gema-Haushalt 2014. Knapp 300 Millionen Euro nahm die Organisation von Rundfunk- und Fernsehanstalten ein. Ganze 46 Millionen entfielen im gleichen Zeitraum auf Online-Erlöse – also Streams und Downloads.

Doch wie gesagt: Die Urheber-Vergütungen sind in der schönen neuen digitalen Welt noch der am besten geregelte Bereich. Anders sieht es mit den Vergütungen für die Künstler aus, die in Zeiten der Platten und CDs einen Anteil von jeder verkauften Scheibe bekamen und via GVL auch an Rundfunkeinsätzen partizipierten.

Streaming-Marktführer Spotify wehrt sich gegen die Vorwürfe, man bezahle zu wenig für die Nutzung der Musik. 2013 veröffentlichte Spotify anonymisierte Zahlen: Danach habe man für ein aktuelles Hitalbum 425 000 Dollar pro Monat bezahlt, für ein Top-Ten-Album 145 000 Dollar und für ein Indie-Nischen-Album immerhin noch 3300 Dollar – an die Rechteinhaber, also in den meisten Fällen an die Plattenfirmen. Was diese an ihre Künstler ausschütten, hängt von den Künstler-Verträgen ab. Und wie gesagt: Viele ältere Verträge enthalten keine Klauseln über digitale Verwertung, weil es diese Verwertung damals noch nicht gab.

Andere Superstars setzen dagegen auf die digitale Verbreitung ihrer Musik. Rihanna etwa: Sie vertreibt ihre Musik nicht nur per Streaming. Sie ist auch Teilhaberin des von Rapper Jay Z gegründeten Streaming-Portals Tidal. Verdient also schon in erster Reihe mit. Ihr aktuelles Album war die erste Woche nach Erscheinen nur via Stream erhältlich. Die CDs kamen erst eine Woche später in die Läden.

Der Wettkampf der Verteilkanäle ist in vollem Gang. Aber auch der Wettlauf unter den Streaming-Diensten. Denn die Nutzerzahlen werden exponentiell nach oben schnellen, prognostiziert die Branche. Für 2018 rechnet sie mit 191 Millionen Streaming-Abonnenten weltweit, die 46 Milliarden Dollar umsetzen sollen. Zahlen, die dringend benötigte Investoren locken, denn 2014 hat Branchenprimus Spotify noch fast 200 Millionen Dollar Miese gemacht.

Welche Folgen das für die Musikbranche haben wird? Eines ist sicher: Sie wird sich ändern. Nur in welche Richtung? Ein aktueller Trend gibt derzeit zu denken: In den USA wurden im vergangenen Jahr erstmals mehr Tonträger aus den Back-Katalogen verkauft als aktuelle Musik. Was das mit den Streaming-Diensten zu tun hat? Eine Erklärung könnte sein, dass Ältere vor allem ältere Musik kaufen, während Jüngere aktuelle Musik streamen. Oder ist es gerade andersrum? Dass durch die Streaming-Portale, die fast alle je nach ausgewählter Musik verwandte Vorschläge machen, auch jüngere Hörer die Geschichte der Popmusik besser kennenlernen? Fest steht: Die Zeiten, in denen Pop Identität stiftete, eine ganze Generation von Hörern auf das neue Album von Santana oder Pink Floyd wartete, um es dann genauestens zu analysieren und zu diskutieren, sind vorbei. Dafür gibt es wieder mehr Menschen, die Platten sammeln, richtige Langspiel-Platten – aus Vinyl. Also hat die Plattensammlung doch nicht ausgedient.

Musik im Netz: Preise und Angebote

Aldi Life Musik 8 Euro pro Monat verlangt Aldi für die Flatrate Life Musik. Dafür hat der Kunde die Auswahl aus dem gesamten Katalog des Kooperationspartners Napster– also 34 Millionen Titeln. Hier fehlen hauptsächlich Alben, die auch bei anderen Streaming-Diensten nicht vorhanden sind – etwa Adele, Die Ärzte, Die Toten Hosen.

Amazon Prime Günstiger als Aldi ist nur Amazon Prime. Für 49 Euro im Jahr und damit 4,08 Euro pro Monat erhält der Nutzer außer der Musik-Flatrate etwa einen Video-Streaming-Service. Die Bibliothek der Musik-Flatrate umfasst jedoch nur rund eine Million Titel im Vergleich zu über 30 Millionen Songs bei Aldi, Apple und Spotify.

Apple will möglichst schnell Marktanteile gewinnen. Dafür ködert das Unternehmen Neukunden mit dem längsten Testzeitraum von drei Monaten. Danach kostet der Zugriff auf 30 Millionen Titel 10 Euro. Apple Music war der erste Dienst mit Familienrabatt. Maximal 6 Personen können für 15 Euro monatlich die Flatrate nutzen.

Deezer Der französische Anbieter zählt mit Spotify zu den Musik-Streaming-Pionieren und bietet wie dieser Zugriff auf 30 Millionen Titel. Beide besitzen auch ein werbefinanziertes Gratis-Angebot. Neben der Version Premium+ (10 Euro) gibt es die Elite-Variante für 20 Euro monatlich. Sie ermöglicht das Streamen in CD-Qualität.

Google Play Music Beim Dienst von Google (20 Millionen Titel, 10 Euro) geht die Personalisierung so weit, dass je nach Uhrzeit unterschiedliche Playlists vorgeschlagen werden. Außerdem gibt es ein Radio, das Musik nur nach dem eigenen Geschmack spielt. Zudem gestattet Google den Upload von bis zu 50 000 Titeln in die Cloud.

Spotify Marktführer Spotify fehlt eine solche Upload-Funktion. Neben einem Gratis- und Premium-Abo bietet Spotify auch ein Familien-Angebot. Zu den monatlichen 10 Euro kommen pro Person weitere 5 Euro. Dafür gibt es 30 Millionen Titel und neben von einer Musikredaktion erstellten Playlists auch individuelle Musikempfehlungen.