Roman Wie ein Rubik-Würfel

Die Katze und der General. Frankfurter Verlagsanstalt, 750 Seiten, 30 Euro.
Die Katze und der General. Frankfurter Verlagsanstalt, 750 Seiten, 30 Euro. © Foto: Frankfurter Verlagsanstalt
Ulm / Von Lena Grundhuber 13.10.2018

Da sitzt eine russische Brigade in der Windstille des Krieges, auf einer Art Urlaub nahe eines tschetschenischen Bergdorfs. Die Männer könnten sich ausruhen vom Kämpfen, doch nein, sie ziehen los und brandschatzen, foltern, vergewaltigen eine junge Frau. Ihr Oberst erträgt die Ruhe nicht, er kann nicht mehr ohne Krieg. Das Töten ist zu seiner Existenz geworden.

Die 2006 ermordete russische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Anna Politkowskaja hat diese abstoßende Episode aufgeschrieben, die Autorin Nino Haratischwili hat sie gelesen und nicht mehr vergessen. „Diese Vorstellung hat mir die Perversität des Krieges näher gebracht“, sagte sie neulich in einem Interview mit dem „Spiegel“. Das reale Ereignis ist nun der Kern ihres neuen Romans „Die Katze und der General“, in dem die aus Georgien stammende, in Hamburg lebende Romanautorin, Dramatikerin und Regisseurin auf epischen 763 Seiten von Schuld und Sühne erzählt. Nach ihrem Erfolg mit „Das achte Leben (Für Brilka)“ aus dem Jahr 2014 hat die 35-Jährige es damit auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gebracht.

Wobei der bloße Umfang niemanden schrecken sollte: Das Buch liest sich flott, denn die Geschichte funktioniert im Prinzip nicht anders als ein Thriller, der die wahren Zusammenhänge erst nach und nach preisgibt. Im Mittelpunkt steht der russische Oligarch Alexander Orlow, intelligent, kühl, kunstsinnig und knallhart. Sein Spitzname „der General“ rührt aus dem ersten Tschetschenienkrieg 1995, ebenso wie seine Lebensbürde: Das grausame Verbrechen, das er mit drei anderen Militärs an einem Mädchen beging.

Trotz eines ohnehin schon ungewöhnlichen Prozesses – „denn das hatte es in der russischen Militärgeschichte noch nie gegeben; niemand wurde von der russischen Seite wegen Kriegsverbrechen angeklagt, und vor allem nicht wegen eines Kriegsverbrechens in Tschetschenien“ – bleiben Vergewaltigung und Mord der 18-jährigen Nura ungesühnt. Die bittere Erkenntnis über die bestialische Natur des Menschen, die Orlow daraus zieht, ermöglicht seine Verwandlung vom unsicheren Schöngeist in den unangreifbaren „General“. Als aber seine geliebte einzige Tochter Ada an seinem Geheimnis zerbricht, muss er die offene Rechnung mit sich und seinen Mit-Tätern endlich doch begleichen.

Die Gelegenheit ergibt sich, als der General zufällig eine junge Frau findet, die der tschetschenischen Nura wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Die Berliner Schauspielerin „Katze“ kam einst selbst mit ihrer Familie aus Georgien, auch ihr eigener Vater war „am Töten erkrankt“. Sie wird zu einer Art Lockvogel in dem groß angelegten Rache-Spiel, das Alexander Orlow zwischen Moskau, Berlin und Marrakesch inszeniert.

Nicht umsonst spielt ein Rubik-Zauberwürfel eine Schlüsselrolle im Roman: Auch die Autorin dreht und schraubt so begeistert an der Lösung ihres selbst gestellten Rätsels, dass am Ende ein ganz passabler Krimi herauskommt. Wir erfahren viel über die politischen Verheerungen, die psychischen Wunden und sozialen Brüche, die die zerfallende Sowjetunion hinterlassen hat, und Haratischwili besitzt die Fähigkeit, sie als feine Haarrisse noch in den intimsten Beziehungen aufzuspüren.

Vor allem in den Abschweifungen und biografischen Verästelungen also ist dieser Roman interessant, immer dort, wo die Randfiguren der Geschichte hoffen, verzweifeln, kämpfen und verlieren. Ausgerechnet die großen Handlungslinien aber bleiben behauptet, just die Protagonisten sind psychologisch nicht stimmig, und auch sprachlich gibt sich Haratischwili oft zu schnell mit einer vorgefertigten Formulierung zufrieden oder geht einem verrutschten Bild auf den Leim – denn was in aller Welt wäre ein „Blumenstrauß von beängstigender Schönheit“?

Die Fantasie vertrage keine Beliebigkeit und schon gar keine Nachlässigkeit, bekommt Nura bereits auf der dritten Seite des Romans von einer verehrten Lehrerin mit auf ihren viel zu kurzen Lebensweg gegeben: „Du musst sehr präzise sein in dem, was du dir vorstellst!“ Seltsam: Genau daran mangelt es diesem Roman, der doch soviel zu bieten hätte.

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