Wie der Hase läuft

In drei Rollen umreißt Baumann Bert Buchners Laufbahn. Foto: Ulrich Metz
In drei Rollen umreißt Baumann Bert Buchners Laufbahn. Foto: Ulrich Metz
WILHELM TRIEBOLD 27.01.2012
Ob ihm diese Schuhe passen? Lauf-Ass Dieter Baumann steht derzeit mit einem Schauspielsolo im Stuttgarter Theaterhaus auf der Bühne. Es geht um nichts Geringeres als "Brot und Spiele".

Stuttgart - "Brot und Spiele", das ist zuerst einmal ein etwas angestaubt erscheinender Roman von Siegfried Lenz aus dem Jahr 1959. Als noch nicht schwarze Wunderläufer nahezu sämtliche Lang- und Mittelstrecken beherrschten, machten sich als Ausläufer der Kriegsgeneration andere auf der Aschenbahn auf den Weg. Darunter Bert Buchner, eminent schnellfüßig zwischen Start und Ziel, aber mit einer Kriegsleiche im Keller.

In Lenz Geschichte ist dieser deutsche Renn-Star Buchner auf der Flucht vor sich selbst. Doch das war es nicht, was den Ausdauerspezialisten Dieter Baumann dazu trieb, eine eigene Bühnenfassung zu basteln und sie jetzt auch noch über zwei Stunden selbst zu spielen. "Brot und Spiele" ist vielmehr eine Art Bibel seiner Läuferkarriere gewesen, gehörte zur Pflichtlektüre auf Kaderlehrgängen, verfolgte ihn auch übers Ende der aktiven Zeit hinaus.

Doch warum wagt der Läufer jetzt einen Spät-Start als Theaterschauspieler? Weils ihm Spaß macht, sagt Baumann. Aber auch, weil ihn der Text, ähnlich wie früher ein Profi-Rennen, herausfordert, an Leistungsgrenzen treibt. Sein Kabarettprogramm "Körner, Currywurst, Kenia", mit dem er erste Bühnenerfahrungen sammelte, sei eher ein "launiger Geschichtenabend", bei dem er das Tempo selbst bestimme, so Baumann im Gespräch. Da ist ein Schauspielmonolog schon ein anderes Kaliber. Mindestens Halbmarathon, wie sich zeigt.

In der Theaterhaus-Premiere am vergangenen Mittwoch traut sich ein gesplitteter Dieter Baumann ins Rampenlicht. Als Moderator, der die Handlungsfäden bündelt und zusammenhält, erinnert er in Mimik und Gestik ein bisschen an diese penetranten Motivations-Coaches, die einem gut gelaunt noch das Schwarze unter den Fingernägeln anpreisen. Kein Zweifel, dieser Dieter will das Publikum erst einmal vereinnahmen und umarmen. Gelegentlich schlägt er in der abgegriffenen dtv-Taschenbuchausgabe von "Brot und Spiele" nach, um Lenz im O-Ton zu Wort kommen zu lassen.

Dann gibt es da einen zweiten Dieter, der mit aufgerissenen Augen die Live-Reportage eines finalen Zehntausendmeterlaufs ins Mikro trompetet, mit dem der alternde Buchner ein Europameister-Comeback versucht. Und der dritte Dieter schaut ihm dabei gelegentlich zu, als einarmiger, verdrießlicher Männerfreund und Zweifler an Buchners Charakterstärke.

Die verschiedenen Ebenen mit ihren Perspektivwechseln und Rückblenden versuchen Baumann und seine Trainerin, pardon: Regisseurin Carola Schwelien so klar und deutlich zu trennen, dass es wiederum etwas schablonenhaft wirkt, wie der Darsteller zwischen den Rollen hin- und herspringt. Hie Lockerungsübungen, da überschnappende Begeisterung, und schließlich dort hinten neben der 50er-Jahre Garderobe (Bühne: Ilona Lenk) düsteres Abrechnen, zwischen zwei Zigarettenlängen und dem zähen Rumgehacke auf einer steinalten Schreibmaschine.

Und doch ist es sympathisch zu sehen, wie sich ein Nichtschauspieler - und zwar einer, der nicht mal vorgibt, Schauspieler zu sein - sich in dieses schier aussichtslose Rennen hineinkämpft. Dazu muss man wissen: Während Baumann früher eher ein Konterläufer gewesen ist, stürmte Romanheld Buchner meistens vorneweg bis ins Ziel, ein ewiger tempobolzender "Hase", aber zugleich auch ein Igel ("Ich bin schon da!").

Weil Baumann aber weiß, wie der Hase läuft, behält er die Kontrolle über diesen Abend. Er teilt ihn sich klug und kräfteschonend genug ein, lässt sich taktisch mitunter etwas zurückfallen, um nötigenfalls wieder heranzusprinten. Er beherzigt das Motto: "Wer hundert Meilen zu laufen hat, sollte neunzig als die Hälfte ansehen" - es ist als japanisches Sprichwort dem Lenz-Roman vorangestellt.

Die Geschichte um den letzten Lauf des hoch aufsteigenden und schließlich fallenden Leichtathleten wird packend genug erzählt und aufs tragische Herzschlagfinale hin getrimmt: Bert Buchner scheitert, der Lebensläufer Dieter Baumann hingegen nicht. "Brot und Spiele" ist zwar keine Sternstunde der Schauspielkunst geworden. Aber es war einem, der sich auskennt im Metier, ein Herzensanliegen und eine Aufgabe. Er hat sie gelöst.

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