Jerusalem Werner Merzbacher zeigt seine Sammlung in Israel

Jerusalem / ULRIKE SCHLEICHER 01.08.2013
Seine Sammlung von Expressionisten und Fauvisten gilt als eine der besten der Welt, aber sie wird selten gezeigt. Nun hat Werner Merzbacher aus Zürich 42 seiner Bilder ins Israel Museum nach Jerusalem begleitet.

Leuchtendes Rot, Grün, Blau, Gelb und ihre sanfteren Zwischentöne - es sind Farben, die unbändige Lebenslust und Energie verströmen. Anfang des 20. Jahrhunderts waren sie Ausdruck des Aufbruchs, eines neuen Lebensgefühls der jungen Generation. 42 Bilder der bedeutendsten Expressionisten und Fauvisten sind derzeit im Israel Museum in Jerusalem unter dem Titel "Color Gone Wild" ausgestellt, darunter Werke von Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Wassily Kandinsky, Henri Matisse, Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky, Emil Nolde und Paul Klee.

Die Meisterwerke gehören Werner und Gabriele Merzbacher und sind nur Teil einer Sammlung von weit mehr als 100 Bildern, die das Ehepaar aus Zürich sein eigen nennt, und die - ungewöhnlich genug - fast allesamt in ihrem Haus hängen. So trinkt der Pelzhändler und Finanzmakler seinen Morgenkaffee in Gesellschaft von Kandinskys "Dorfstraße", das 1908 in Murnau entstand und mit dem der agile Mann mit der Löwenmähne in den 60er Jahren den Grundstein seiner Sammlung legte. "Inzwischen ist aber kein Platz mehr im Haus", sagt der 85-Jährige. Museen auf der ganzen Welt begehren die Bilder, doch meist haben sie kein Glück. Bislang haben die Merzbachers sich nur selten von ihren Schätzen getrennt. In Israel sind die Werke nach 15 Jahren nun zum zweiten Mal ausgestellt, ein paar Mal waren sie in den USA und einmal im Kunsthaus Zürich. In Deutschland, wo Merzbacher geboren ist, noch nie.

Düster sind die Erinnerungen an seine Kindheit in Öhringen (Hohenlohekreis), wo Merzbacher als einer von zwei Söhnen eines Arztes zunächst aufwuchs. Die Familie war angesehen, bis die Nazis an die Macht kamen. Plötzlich tat sich ein angeblicher Makel auf, der zuvor keiner war und auch keiner sein darf: die jüdische Abstammung der Merzbachers. Als nach der Reichspogromnacht die Bedrohung immer größer wurde, schickten die Eltern den zehnjährigen Werner und seinen Bruder in die Schweiz. "Wir kommen bald nach", sagte der Vater am Bahnhof zum Abschied, und die Hoffnung blieb bis zuletzt. So schrieb die Mutter 1942 vor ihrer Deportation: "Wir hoffen, dass bald alles besser wird, in inniger Liebe, deine Mutter." Der Bub kam zu einer Gemeindeschwester in Zürich und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Vom Schicksal seiner Eltern - sie wurden in Auschwitz umgebracht - erfuhr er erst später.

Als strahlenden und positiven Mann beschreibt Merzbacher seinen Vater Julius. Vielleicht hat er diesen Charakterzug geerbt, denn trotz oder wegen der schwierigen Kinder- und Jugendzeit "bin ich ein unerschütterlicher Optimist", sagt er und lächelt freundlich. Als Mittelschüler arbeitete er als Statist und Stuhlaufsteller am Schauspielhaus Zürich. Mit Hilfe eines Stipendiums finanzierte er sich die Ausbildung und emigrierte 1949 in die USA. Dort lernte er seine Frau Gabriele, eine Schweizerin, kennen und wurde Teilhaber im Pelzhandelsgeschäft des Schwiegervaters, zuerst in New York, dann in der Schweiz. Dies, und auch Finanzgeschäfte macht er bis heute sehr erfolgreich.

Was seine Kunstleidenschaft und insbesondere die Begeisterung für die Expressionisten und Fauvisten angeht, so sei sie dem Wunsch nach dem "Schönen in der Welt" geschuldet, sagt er. Er hat nie ein Bild verkauft, weil sie "an ihm wachsen", wie er es ausdrückt; selten hat er einen Fehlkauf getätigt. "Wenn, dann sage ich: Das hätte nicht sein müssen." Merzbacher, der meist auf Auktionen kauft, hat keinen Galeristen. Er entscheidet selbst, nur nach Gefühl: Er verliebt sich, verzehrt sich - bis er das Bild besitzt. "Ich kann nicht schlafen und ich kann an nichts anderes mehr denken."

Nach Öhringen ist er einmal zurückgekehrt. Als die Gemeinde Anfang der 90er Jahre eine Straße nach seinem Vater benannte. "Das hat mich gefreut", sagt er, aber sein Verhältnis zu Deutschland sei nach wie vor schwierig. "Ich habe vergeben, aber ich kann nicht vergessen" - und das erklärt, warum seine Sammlung nie in Deutschland zu sehen war, "höchstens mal ein Einzelstück". Merzbacher geht von Bild zu Bild im Israel Museum. Liebevoll und in einfachen Worten erzählt er vom Leben der Maler, von der Entstehung der Werke, ihrer Energie und Freude bringenden Ausstrahlung. Vor einem Bild von Emil Noldes "Blumengarten" bleibt er lange stehen: "Diese Intensität der Farben", sagt er schließlich, "für manche ist es schwer, sie zu ertragen".

Von Jerusalem bis Amsterdam
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