Youtube Wenn Youtube-Stars live auf die Bühne gehen

Neu-Ulm / MAGDI ABOUL-KHEIR 21.09.2015
Ihre Video-Kanäle werden millionenfach abonniert, ihre Filmchen milliardenfach angeklickt: In der Internet-Ära sind Youtuber die Popstars der Teenager. Aber live? Führen die Auftritte zu Kreisch-Anfällen.Mit Videos

"Voll assi", schimpft Jasmin (13). Dass Dagi Bee beim Konzert von Liont in der Neu-Ulmer Ratiopharm-Arena nicht auftritt, das geht gar nicht. Voll assi eben.

Dagi Bee, Liont? Nun, für alle, die keine Teenager sind oder keine Teenager-Kinder haben: Dagi Bee, eigentlich Dagmar Nicole Ochmanczyk, die heute 21 wird, und Liont, bürgerlich Timo Mikal Torres (22), sind Youtuber. Junge Stars, die im Internet mit selbstgedrehten Videos groß wurden.

Liont macht Musik und Comedy, sein Youtube-Kanal zählt 1,4 Millionen Abonnenten. Dagi Bee war zunächst nur seine Freundin. Sie schaute in seinen Videos nett in die Kameras und machte lustige Sprüche. Ermutigt von Usern, begann sie vor drei Jahren, eigene Videos zu machen - in denen sie nett in die Kameras schaut, lustige Sprüche macht, vor allem aber Beauty- und Lifestyle-Tipps gibt. "3 easy & süße Sommer Nageldesigns" und so. Heute hat Dagi Bee 2,13 Millionen Abonnenten.

Doch jetzt sind Dagi Bee und Liont kein Paar mehr. "Es war nicht irgendwie Herzschmerz oder so, wir waren cool mit der Sache", hatte Liont in einem Video kommentiert. Und Dagi Bee konnte verstehen, "dass jetzt viele traurig und enttäuscht sind, aber das ist der Lauf des Lebens". Viele der 1500 Fans hatten dennoch gehofft, dass beide in Neu-Ulm zusammen auftreten.

Tun sie nicht, aber dafür ist der Rapper T-Zon als Support mit dabei. Er bringt Songs aus seinem Album "Doppelleben" und labert eine Menge: "Ulm, Alder, Ulm", "Krass, das wird kaputt". Und singt: "Ulm, irgendwann bin ich der Erste hier", aber noch ist Liont die Top-Nummer auf dieser "Tach Kinnas" genannten Tour. "Timo, Timo"- Sprechchöre belegen das.

Dann also Timo/Liont, die Belohnung fürs teilweise stundenlange Anstehen der Fans - 98 Prozent sind Mädchen. Ab jetzt gibt es nur noch Kreischen und Mitsingen. Und natürlich: Handys hoch!

Liont will "nie wieder niemand sein", er setzt auf die "Du kannst es schaffen"-Message und bietet dazu "Keiner kennt mich wirklich"-Geheule; seine Liebeslieder für Dagi Bee wirken etwas seltsam, dafür steht er zu seinem "Doppelkinn" und badet im Handylichtermeer: "Geil, Ulm, ihr seid der Hammer."

Sympathien schwenken in der Online-Welt jedoch nur allzu rasch um. Lionts Album "Löwenkind" hat bei Amazon 1,5 von 5 Sternen durchschnittliche Kundenbewertung. Er muss also reichlich "Hater" haben, also Menschen, die ihn hassen oder zumindest nicht schätzen. Wer sich freilich dazu zwingt, auf Youtube User-Kommentare zu lesen, wird feststellen, dass es zwischen "voll süß/voll cool" oder "voll spacko/voll scheiße" nicht viel gibt. Die Unlust zur Differenzierung wird nur noch durch die Unfähigkeit zur korrekten Orthographie unterboten.

"Nenn' mich Pussy oder Spast, wir werden sehen, wer als Letztes lacht!", reimt Liont denen ins Gesicht, denen er zu wenig Rapper ist. Und wenn ihm einer blöd kommt? "Halt deine Schnauze, Digger". Das ist ein schöner Refrain zum Mitsingen. Und dann: "Ausrasten!" Das funktioniert auf Befehl - und wird via Snapchat in alle Welt geschickt.

Lionts Filme werden millionenfach geklickt, unter Deutschlands Youtubern ist er auf Platz 16. Nummer eins ist Gronkh mit seinen "Let's Play"-Videos: Er spielt Games und kommentiert sie, die Clips heißen etwa "Die geile Stalking-Sprühwurst-Omi!" Gronkh hat knapp 3,8 Millionen Abonnenten, mit gut 7000 Videos kommt er auf eineinhalb Milliarden Abrufe. Superpopulär ist auch Y-Titty, 3,15 Millionen Abonnenten sehen seine Spaß-Musikvideos. Dagi Bee wird auf ihrem Feld derweil noch von "BibisBeautyPalace" getoppt: 2,24 Millionen Abonnenten. "Die Youtuber kennt jeder. Einfach jeder", sagt Jasmin. Das heißt: Jede in ihrer Klasse. Und alle Freundinnen.

Es sind unfassbare Zahlen. Die 40 erfolgreichsten deutschen Youtuber haben jeweils mehr als eine Million Abonnenten. Zählt man die Top100-Youtube-Kanäle in Deutschland zusammen, kommt man auf mehr als 26 Milliarden Video-Aufrufe. 26.000.000.000! Ja, das sind viele Nullen und viele Klicks.

Das bedeutet: Die 12- bis 16-Jährigen können eigentlich gar nichts anderes tun, als Youtube-Videos zu schauen. Was das Freizeit- und vor allem Medienverhalten dieser Generation ja zutreffend beschreibt.

 

"Wir sind die Generation Handy. Und Generation Handy heiß Generation Youtube", sagt Jasmin. Klar, es ist auf jedem Smartphone installiert. "Du klickst. Und klickst immer weiter. Du kannst endlos auf Youtube bleiben." Hinzu kommt die Netzwerkerei via Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat.

Richtig super ist das für die Werbeindustrie, die die Youtuber längst entdeckt hat: Product placement mit so wenig Aufwand so nah an der Zielgruppe - ein gutes Geschäft.

Die Youtuber erwecken den Anschein, als sei der Weg zum Ruhm so einfach wie noch nie. Eine Kamera, ein Computer, ein paar Sprüche - fertig. So ist es bei vielen ja auch gelaufen. Berühmtheit und Normalität schließen sich nicht mehr aus. Dass Liont live nicht so total gut drauf wirkt, die Lieder meist etwas banal sind und er eigentlich kaum singen kann? Sei's drum.

Ja, Dagi Bee ist nicht da, und das ist assi, aber "sonst ist es schon cool", jubelt Jasmin und kreischt. Klatschen tut sie nicht. Das tut keiner - das geht mit Handy in der Hand nicht. Dafür wird jeder Song von fast jedem mitgefilmt. Und später wiederum auf Youtube hochgeladen. Aber das ist nur konsequent.

 

 

Bis zur Bundeskanzlerin

Youtuber Auch die Politik ist auf die Youtuber aufmerksam geworden - leichter kommt man nicht an jüngere Menschen ran. So konnte im Juli LeFloid Bundeskanzlerin Angela Merkel interviewen. LeFloid - der 27-Jährige Berliner Student Florian Mundt - diskutiert auf seinem YoutubeKanal "LeNews" zweimal pro Woche aktuelle Ereignisse aus Nachrichten und Alltag - unterhaltsam, auch mal kritisch. Er hat 2,76 Millionen Abonnenen, damit liegt er auf Platz fünf der populärsten Youtuber. Sein Merkel-Interview wurde allerdings von vielen als zu brav kritisiert.

 

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel