Der Mann greift mit der Hand in die Brennnesseln und reißt sie heraus. Immer und immer wieder. Sein Sohn schaut ihm erschrocken zu. „Du entscheidest selbst, wann es wehtut“, sagt der Vater.

So überdeutlich, wie der norwegische Film „Out Stealing Horses“ mit seinen Bildern umgeht, ist klar: Die Sache mit den Brennnesseln und dem Schmerz ist eine zentrale Metapher. Am Ende wird der Junge selbst zum alten Mann geworden sein, auf sein Leben zurückblicken, auf den erlittenen Schmerz durch Verrat und Verlassenwerden. Aber er wird selbst längst entschieden haben, ob es wehtut.

Das mag man nun für poetisch halten oder für Stuss – im Berlinale-Wettbewerb taugt diese Metapher allemal: Der Zuschauer entscheidet nämlich auch, ob es wehtut. Und das gilt nicht nur für Fatih Akins umstrittenen, grauenerregenden Echt-Horror-Streifen „Der goldene Handschuh“ über einen Frauenmörder.

Nein, es gilt für fast jeden Wettbewerbs-Film. Nora Fingscheidts heftiges Drama „Systemsprenger“ über ein schwer erziehbares Kind? Dürfte nicht nur Eltern und Sozialarbeitern zusetzen. François Ozons Missbrauch-in-der-Kirche-Streifen „Grâce à Dieu“? Da genügt schon das Thema.

Immer wieder stellt sich die Frage aufs Neue: Was lässt man an sich heran? Wann bleibt man in der sicheren Distanz? Marie Kreutzers „Der Boden unter den Füßen“ aus Österreich erzählt von zwei Schwestern. Die eine ist Unternehmensberaterin und hat gelernt, in dieser Welt der Selbst- und Fremd-Optimierung erfolgreich zu funktionieren – die andere leidet unter einer paranoiden Schizophrenie, ist suizidal. Und die beiden sind miteinander verbunden durch das Band, das man Familie nennen mag – oder das, was noch davon übrig ist. Der Film verunsichert den Zuschauer massiv. Wenn der eben bereit ist, den Weg mitzugehen. Wenn er mit-fühlt. Wenn er den Schmerz an sich heranlässt.

Und dann läuft „Out Stea­ling Horses“: ein Film, in dem Väter ihre Familien verraten und verlassen, in dem es zu fatalen Unfällen kommt, in dem dennoch oft nur geschwiegen wird, und das noch nicht einmal vielsagend. Und in dem der Erzähler über sein Leben summierend sagt, es sei trotzdem ein gutes gewesen – wohl weil er gelernt hat, dass es ihm nicht wehtun darf.

Im Kino aber ist es gut, wenn es schmerzt. Am Ende eines langen Festivaltags mag einem dann das Gemüt schwer sein. Aber huch, was tut da außerdem noch weh? Ach ja, das Gesäß. Und das ganz ohne Metaphern und Brennnesseln.