Welterbe Albhöhlen?

Die Vogelherdhöhle im Lonetal ist eine der sechs Albhöhlen, die Baden-Württemberg für die Unesco Welterbe-Liste vorgeschlagen hat. Fotos: Henning Petershagen
Die Vogelherdhöhle im Lonetal ist eine der sechs Albhöhlen, die Baden-Württemberg für die Unesco Welterbe-Liste vorgeschlagen hat. Fotos: Henning Petershagen
HENNING PETERSHAGEN 16.08.2012
Am 1. August war Abgabetermin. Bis dahin konnten die Bundesländer der Kultusministerkonferenz ihre Vorschläge für die Weltkulturerbe-Liste unterbreiten. Baden-Württemberg hat sechs Albhöhlen benannt.

Der baden-württembergische Vorschlag umfasst die Vogelherdhöhle, den Hohlenstein und die Bocksteinhöhle aus dem Lonetal sowie das Geißenklösterle, den Hohlen Fels und die Sirgensteinhöhle aus dem Achtal. In vier dieser Höhlen sind die ältesten plastischen Kunstwerke und Musikinstrumente der Menschheit gefunden worden, deren Alter auf bis zu 40 000 Jahre geschätzt wird. Auch die beiden anderen zählen zu den wichtigen altsteinzeitlichen Fundstellen.

Es sollen also nicht die Funde ins Weltkulturerbe aufgenommen werden, sondern die Fundstätten. Denn derartige Einzelstücke sind nicht "welterbefähig" - es gibt schlicht zu viele davon. Aber sie bilden im Falle der Alb-Höhlen den bedeutenden Hintergrund, ohne den es kaum Anlass gäbe, jene auf die Vorschlagsliste zu setzen.

Zwei weitere neue Kulturerbe-Kandidaten sind die Städte Tübingen und Baden-Baden, aber bei denen handelt es sich jeweils um "serielle" Anträge. Das heißt, sie kandidieren zusammen mit anderen Städten aus anderen (Bundes-) Ländern: Tübingen zusammen mit Marburg als Universitätsstädte und Baden-Baden unter anderem zusammen mit dem tschechischen Karlsbad, dem französischen Vichy und dem englischen Bath als Kurorte.

Wie geht es nun weiter? Das Verfahren ist langwierig und kompliziert. Jedes Bundesland kann zwei Vorschläge einreichen. Dazu können noch serielle Anträge sowie Vorschläge aus unterrepräsentierten Kategorien kommen. Insider befürchten daher, dass bis zu 50 Anträge zusammenkommen. Die werden erst im kommenden Jahr von einem international besetzten Beirat geprüft, der bis Jahresende von der Kulturministerkonferenz berufen wird und der schließlich die aussichtsreichsten auswählt.

Das Ergebnis wird voraussichtlich Ende 2013/Anfang 2014 der Kultusministerkonferenz zur endgültigen Entscheidung vorgelegt und in der von ihr gebilligten Form an das Welterbe-Zentrum der Unesco weitergeleitet. Bevor die über den ersten dieser Vorschläge entscheiden kann, muss der mindestens ein Jahr lang auf dieser "Tentativliste" stehen. Das bedeutet, dass die Höhlen, auch wenn ihre Chancen noch so gut stehen, allerfrühestens 2016 zum Welterbe avancieren können.

Die neue Tentativliste, die nicht vor Anfang 2014 veröffentlicht wird, folgt der ersten, die aus dem Jahr 1998 stammt. Die ist aber noch lange nicht erledigt. Auf ihr stehen zehn Posten, darunter aus Baden-Württemberg das in diesem Jahr zurückgewiesene Schwetzingen, das ebenfalls schon mal durchgefallene, aber nicht abgelehnte Heidelberg und die Corbusier-Häuser in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Ob diese drei baden-württembergischen Kandidaten überhaupt noch einmal ins Rennen geschickt werden, muss das Land noch entscheiden. Die Liste gilt jedenfalls weiter - wobei von 2013 an jede Nation grundsätzlich nur noch eine neue Kulturstätte vorschlagen kann anstatt der bisherigen zwei.

Doch müssen die Alb-Höhlen es zuerst einmal auf die deutsche Tentativliste schaffen. Die Aussichten dafür sind gut. Prof. Jürgen Kunow etwa, Vorsitzender der deutschen Landesarchäologen, räumt den Alb-Höhlen hohe Chancen ein. Zum einen seien archäologische Fundstätten auf der Kulturerbe- wie auch auf den Tentativlisten völlig unterrepräsentiert. Zum andern erfüllten die Fundstätten der ältesten figürlichen Kunstwerke und Musikinstrumente zweifelsfrei das zentrale Unesco-Kriterium des "außergewöhnlichen universellen Wertes". Deutschland tue gut daran, der Unesco solch erfolgversprechende Vorschläge zu unterbreiten.

Sollte es so weit kommen, steht allerdings noch die eigentliche Bewerbung ins Haus - ein umfangreiches Werk, das bestens vorbereitet sein will. Darum wird in Baden-Württemberg jetzt schon an dem Management-Plan für die Alb-Höhlen gearbeitet: Der ist ein entscheidender Teil der Bewerbung - zumal die Anforderungen der Unesco an Schutz und Unterhalt einer Welterbestätte immer höher werden.

Dieser Management-Plan muss Kernzone und Pufferzone definieren, muss darlegen, wie der Schutz, die Verwaltung, die Überwachung der Kulturerbe-Stätte geregelt werden. In die Schutzzonen sollen nicht nur die Höhlen, sondern auch Talabschnitte in ihrer Gesamtheit einbezogen werden; dies setzt ein hohes Engagement der beteiligten Kommunen voraus.

Der Management-Plan muss auch Ziele, Leitbilder und Strategien formulieren, muss erklären, wie Wissenschaft und Forschung sowie Eigentümer und Kommunen eingebunden sind - und nicht zuletzt, wie das Thema der Öffentlichkeit vermittelt werden soll.

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