Berlin War Martin Heidegger Antisemit?

Umstritten: Martin Heidegger. Foto: dpa
Umstritten: Martin Heidegger. Foto: dpa
Berlin / ESTEBAN ENGEL, DPA 15.03.2014
Der Philosoph Martin Heidegger hat im 20. Jahrhundert

tiefe Spuren hinterlassen. Seine Nähe zum NS-Regime ist bekannt. War er auch Antisemit?

Er war ein Meisterdenker aus Deutschland und ein Außenseiter: Martin Heidegger (1889-1976) ist vielleicht der einflussreichste Philosoph des 20. Jahrhunderts - und er war Nationalsozialist. Doch war auch sein Denken von der Rassenideologie infiziert? Darüber streiten jetzt Wissenschaftler.

Anlass ist die Veröffentlichung zweier weiterer Bände der "Schwarzen Hefte", jener "Denktagebücher", die Heidegger in den 30er und 40er Jahren führte. Sie öffnen nach Darstellung von Herausgeber Peter Trawny vom Martin-Heidegger-Institut der Universität Wuppertal einen neuen Blick in das Denken Heideggers. Der Philosoph hatte verfügt, dass die Hefte erst nach der Publikation seines Gesamtwerks an die Öffentlichkeit dürfen.

Fast 40 Jahre nach seinem Tod werfen die Tagebücher wieder Fragen zu Heideggers NS-Vergangenheit auf. Für Trawny steht das Erbe des Philosophen auf dem Spiel. Zwar habe sich Heidegger immer wieder kritisch zu den Nazis geäußert, schrieb Trawny in der "Zeit". Doch Heidegger habe die Juden als Teil einer internationalen Verschwörung gesehen. Im Stil des antisemitischen Pamphlets der "Protokolle der Weisen von Zion". Auch Heidegger habe die antisemitische Floskel vom "Weltjudentum" benutzt.

Trawny, der zeitgleich mit den Tagebüchern sein Buch "Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung" veröffentlicht, geht einen Schritt weiter. All das, was der Philosoph als gesellschaftliche "Verfallssymptome" betrachtet, seien antisemitische Zuschreibungen - etwa die Rede einer globalen, bodenlosen und naturlosen Existenz, die mit dem Vorgang des "Rechnens" verbunden sei. Im Heidegger-Jargon spricht Trawny von einem "seinsgeschichtlichen Antisemitismus".

Gegen diese Deutung hat sich heftiger Widerspruch geregt. Der Heideggerianer Hadrien France-Lanord äußerte sich im "Nouvelle Observateur" "tief besorgt", der Heidegger-Übersetzer François Fédier sprach von Sätzen des Philosophen, die aus dem Zusammenhang gerissen worden seien. "Absurd" nennt der Literaturwissenschaftler Silvio Vietta (Heidelberg), ein Freund der Familie Heidegger, die Vorwürfe gegen den Philosophen. Heidegger habe zwar vom "rechnenden Geist" gesprochen und dabei auch übersehen, dass Juden in bestimmte Berufe gedrängt worden seien. "Die Einseitigkeit der Rationalität bleibt aber Hauptpunkt der Kritik, was mit Antisemitismus nichts zu tun hat. Heideggers Kritik an Juden ist Zivilisationskritik, kein Rassismus", sagte Vietta der "Zeit".

Das lässt Wolfram Eilenberger, Chefredakteur des "Philosophie Magazins", nicht gelten. Mit der Veröffentlichung der "Schwarzen Hefte" stelle sich die Frage nach der Beziehung Heideggers zur NS-Ideologie neu. Der Philosoph, das machten die Tagebücher deutlich, habe sich 1933 als "erwählter Erlöser der abendländischen Verfallsgeschichte" gesehen. Heidegger sei ein "gefährlicher Denker".

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