Interview Walzerkönig André Rieu: "Die haben alle Spaß"

Maastricht / JÜRGEN KANOLD 07.09.2013
Wo wohnt der Walzerkönig? Natürlich in einem Schloss. Ein Besuch bei Weltstar André Rieu in seiner niederländischen Heimatstadt Maastricht. Der 63-Jährige ist Geiger, Unternehmer - und ein Perfektionist.

"André Rieu op het Vrijthof" steht auf den Plakaten. Auf dem Friedhof? Der Walzerkönig ist in Topform. Sommers gibt der 63-Jährige in seinem Geburtsort Maastricht Open-air-Konzerte, und zwar auf dem "Vrijthof", wie der wunderschöne historische Platz mitten in der Stadt heißt, gerahmt von Servatius-Basilika, Johannis-Kirche und Generaalshuis.

Dort steht Rieu im Frack und mit Oranje-Schärpe und nimmt die Parade ab - die Niederlande feiern den Veteranentag, tausende Uniformierte ziehen zu Klängen von "When The Saints Go Marching In" oder dem "River-Kwai-Marsch" an ihrem obersten General und vor allem am salutierenden Weltstar Rieu vorbei. Punkt halb neun marschiert dann, und das gehört offiziell zum Programm, das bunt fröhliche Johann Strauss Orchester auf die Bühne. Für Prinzessin Maxima spielt André Rieu "Dont Cry For Me Argentina", für die abgetretene Königin Beatrix "Time To Say Good-Bye", es erklingen ein Glenn-Miller-Medley, der Walzer "An der schönen blauen Donau", Trini Lopez persönlich singt als Gast bei den "Toegiften", den Zugaben, "If I Had a Hammer". Unglaublich, dieser Mix. Maastricht ist die niederländische Karnevalshochburg, und man kann alles unter Kitschverdacht stellen, aber live erlebt der Zuhörer eine herzlich unverkrampfte, profesionelle Unterhaltungsshow.

Anderntags begrüßt André Rieu lockenmähnig und im roten Janker exakt um elf einige deutsche Journalisten zum einstündigen Interview in seinem Ton-Studio im Maastrichter Industriegebiet, wo er mit seinem Orchester CDs produziert - 35 Millionen Tonträger hat Rieu weltweit verkauft. Er spricht freundlich, offen. Und dann zeigt er seinen Gästen auch sein Schloss, in dem 1452 schon Musketier DArtagnan gefrühstückt haben soll. Rieu braust mit einem Mercedes voraus - und wartet dort im Innenhof und tippt lachend auf die Uhr. Der Mann gibt nicht nur den Takt an, sein Leben ist durchgetaktet.

Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?
ANDRE RIEU: Eine Professorin der Universität Maastricht hat gerade damit begonnen, das Phänomen André Rieu zu erforschen, zwei Jahre will sie sich für diese Studie Zeit nehmen. Ich bin total neugierig auf das Ergebnis - meine Frau und ich wissen natürlich, was das Erfolgsgeheimnis ist, aber die Professorin muss das schon selbst herausfinden (lacht).

Wie wärs trotzdem mit ein paar Tipps für die Recherche?
RIEU: Es ist natürlich eine Kombination aus tausend Dingen: die Musikalität, die Wahl der Stücke, viel harte Arbeit - vor allem das. Ich habe jedes Detail im Auge, sehe alles, merke sofort, wenn zum Beispiel das Licht im Saal nicht stimmt. Wenn ich zur Eröffnung des Konzerts in die Halle komme, merke ich schon an der Atmosphäre im Saal, wie der Abend wird, ich habe da so einen Radar und kann das Konzert steuern. Und Humor ist unglaublich wichtig. Ich bin der Boss, das wissen alle, aber kein Diktator, ich versuche allen Problemen mit Humor vorzubeugen. Also, ich bin gespannt, was die Professorin alles über mich herausfindet . . .

Vor einigen Jahren steckten Sie tief in finanziellen Schwierigkeiten, weil Sie sich mit dem logistischen Aufwand für eine Welttournee, darunter ein Nachbau des Schlosses Schönbrunn als gigantische Kulisse, übernommen hatten. Sind Sie Musiker - und Unternehmer?
RIEU: Ich bin Musiker - und zwangsläufig auch Unternehmer, aber wenn ich reich werden wollte, würde ich Öl-Pipelines bauen. Ja, die finanzielle Krise habe ich überstanden, 34 Millionen Euro Schulden hatte ich, damals gehörte auch dieses Studio der Bank, und man wollte eigentlich hier den Stecker rausziehen. Aber Freunde sagten: Du musst weiterspielen. Und in einem Jahr war ich wieder oben.

In der Pop-Branche ist es üblich, Musiker und Techniker extra für eine Tournee oder CD-Projekte zu engagieren. Sie haben 120 Mann festangestellt, darunter das Johann Strauss Orchester. Das sind enorme Fixkosten. Warum tun Sie das?
RIEU: Die Produzenten sagen: Du bist verrückt! Aber diese Praxis gehört zu unserem Erfolgsrezept. Ein Kritiker des "Boston Chronicle" schrieb einmal nach einem unserer Auftritte dort, dass bei meinen Musikern im Vertrag stehe, dass sie lachen müssten! Das ist natürlich Unsinn, diese Fröhlichkeit kann man nicht 120 Mal im Jahr in einem Konzert auf Knopfdruck erzwingen. Das muss spontan kommen, sonst geht das nicht, sonst springt kein Funke aufs Publikum über. Und das gelingt deshalb so gut, weil mein Orchester seit so vielen Jahren schon zusammen ist. Die haben alle Spaß, sie vertrauen mir.

Am 1. Januar startet die nächste große Deutschland-Tour . . .
RIEU: Dort wartet das für mich beste Publikum der Welt. Die Amerikaner sind auch unheimlich hungrig auf unsere Konzerte, reisen 1000 Meilen weit, aber sie wissen nicht, wie man klatscht. Wenn ich mich verbeuge und gehe danach raus, hören sie auf mit dem Beifall. Die Deutschen wissen, wie so ei n Konzert abläuft, und dass man weiterklatscht, bis ich zurückkomme und viele Zugaben gebe.

Die sprichwörtliche deutsche Pünktlichkeit gefällt Ihnen auch sehr. In Konzerten zählt das Publikum einen Countdown mit, und um Schlag acht gehts los.
RIEU: Ich hasse das, wenn das Konzert beispielsweise in Südamerika erst mit 15 Minuten Verspätung beginnen kann . . . Pünktlich zu sein, das ist eine Höflichkeit. Und wenn man mit einer so großen Truppe um die Welt reist, muss auch alles bestens organisiert sein. Höchstens einmal im Jahr verschläft einer bei uns morgens im Hotel die Abreise, er weiß dann, dass er abends eine Runde zahlen muss, und das wird teuer (lacht).

Als Walzerkönig sprechen Sie vor allem die ältere Generation an.
RIEU: Ich würde meine Musik nicht ändern, um Jüngere ins Konzert zu locken. Aber es ist oft so, dass die Enkel den Opa und die Oma begleiten und dann selber Fans werden.

Besuchen Sie eigentlich auch mal ein klassisches Konzert?
RIEU: Das würde ich gerne tun, wenn ich Zeit hätte. Aber meine Frau und ich arbeiten eigentlich immer, und wenn wir unsere zwei kleinen Pudel ausführen, sprechen wir übers nächste Programm.

Dafür braucht es eine sehr gute Kondition. Sie waren krank - wie geht es Ihnen?
RIEU: Bis 40 geht alles alleine, da braucht man nicht nachzudenken; zwischen 40 und 60, na ja, aber dann? Man will auf der Bühne springen wie ein junges Kind, aber das geht nicht mehr, da muss man was tun. Ja, ich war zweimal krank, aber jetzt mache ich unheimlich viel Sport: Laufen und Krafttraining. Ich fühle mich topfit. Und aufhören mit der Musik, das kann ich sowieso nicht. Ich müsste schon auf der Bühne tot umfallen.

Die nächste Deutschland-Tour