Ein Mann, beworfen mit Hüten, die wunderlich im Raum über ihm zu schweben scheinen. Hokuspokus, aber im  experimentellen, kunstvollen Zugriff. Zur „Body-Art“  gehört Jürgen Klaukes Schwarzweiß-Serie „Gesichtsfeldeinengungen“. Aber dann reihen sich an einer anderen Wand im Schwarzen Haus der Walther Collection in Burlafingen auch Porträts wirklicher Zirkusleute aneinander: Artisten, Gaukler, Tänzer in selbstbewusster Pose.

Das ist auch eine Performance, mit historischer Patina allerdings, auf Porträts aus dem späten 19. Jahrhundert, aus den Anfängen der Fotografie. Aber das ist keine Kunst, auch ist der Name des Fotografen nicht bekannt, wohl stammen die Aufnahmen aus einem Fotostudio. Sie sind „Cartes de Visite“, Visitenkarten, die „Zirkus-Performer“ aus ganz Europa zeigen. So hatte  alles angefangen mit dem Prominentenkult, der heute, wie Kunsthistorikerin Daniela Baumann sagt, Teil des Boulevardjournalismus, der Popkultur ist. Diese „Cartes de Visite“ waren einst begehrte Sammelobjekte,  nicht zuletzt brachten Schauspieler, Adelige oder Politiker die Bilder in großer Auflage in Umlauf, um ihre Bekanntheit zu steigern. Jetzt werden sie neu gesammelt, auf Auktionen erstanden: etwa von Artur Walther.

„Neuzugänge – Die Serie erweitert“ heißt die neue Sonderausstellung in der Walther Collection, eine stimmige Ergänzung zur „Ordnung der Dinge“. Sie stellt mit feinen Werken die künstlerische und die vernakulare Fotografie gegenüber: also Bilder aus dem Alltag, ohne künstlerischen Impetus,  Aufnahmen vielmehr als private Erinnerungsstücke, Bildnachweise für archivalische Zwecke, angefertigt für  Unternehmen, um Sachverhalte zu dokumentieren.

Dazu gehören TV-Screenshots aus den später 1950er Jahren, aus einer Zeit, als es privat noch keine Möglichkeit gab, Fernsehbilder festzuhalten. So nahmen die Fans der Tanzshow „American Bandstand“ die Kamera zur Hand. Die Unschärfe der Fotos ist obligatorisch; ein Bild sieht aus wie von Gerhard Richter gemalt. So fließend sind die Standards, so irritierend muss die Kunst überprüft werden. Oder die 30-teilige Porträtserie „Bärte“: vom Schnauzer bis zum Kinn- und Vollbart. Eine Typologie mit Seriencharakter, vielleicht nur ein Album für die Kunden eines Frisörs. Man weiß es nicht. Insgesamt enthält es 92 Aufnahmen mit bärtigen Männern, ein faszinierender Fund der Walther Collection.

Zahlreiche Serien vernakularer Fotografie wurden erworben, sagt Daniela Baumann, um sie in den kommenden Jahren in einer Reihe von Ausstellungen bei  Walthers  Project Space in New York zu zeigen.  Mehrere wissenschaftliche Publikationen im Steidl Verlag sind geplant, um diese Fotografie zu erforschen. Und im Frühjahr 2019 wird es eine große Ausstellung in Burlafingen geben. Kein anderes Medium hinterfragt die Wirklichkeit mit mehr Tiefenschärfe als die Fotografie, aber auch in der Fotografie ist alles eine Frage der Perspektive – und der Situation und der Absicht. Wann beginnt die Kunst? Spannend.

Info Die Sonderausstellung in der Walther Collection in Burlafingen (Reichenauerstraße 21) läuft bis 20. November. Eröffnet wird sie am Sonntag, 11-17 Uhr, mit einem Tag der offenen Tür. Zahlreiche Kurzführungen werden angeboten. Die regelmäßigen Öffnungszeiten: Do-So 14-17 Uhr. Eintritt frei, keine Anmeldung erforderlich.