Malerei Wallraf-Richartz-Museum zeigt Tintoretto, den Netzwerker

Köln / Von Ulrlch Traub 17.10.2017

Man könnte annehmen, dass es nichts Neues zu erzählen gibt, wenn es um einen Alten Meister geht. Da müsste doch längst alles gesagt sein. Dass das eine Fehleinschätzung ist, dokumentiert jetzt eine wichtige Ausstellung in Köln, die auf einem Forschungsprojekt basiert. Sie widmet sich dem Frühwerk Jacopo Robustis.

Jacopo Robusti? Besser bekannt ist der Maler unter dem Namen Tintoretto, der auf den Beruf seines Vaters, der Färber war, zurückgeht und „Färberlein“ bedeutet. Ihm ist im Kölner Wallraf-Richartz-Museum kurz vor seinem vermeintlichen 500. Geburtstag im Jahr 2018 oder 2019 (da ist man  sich uneinig) eine Ausstellung mit hochkarätigen Werken aus den bekanntesten Museen der Welt gewidmet, die man mit Recht ambitioniert nennen darf. Die Schau „A Star was born“ mit 30 eigenhändigen Bildern Tintorettos, zehn Werkstatt­arbeiten und Exponaten von Zeitgenossen rückt das Frühwerk Tintorettos in den Fokus und präsentiert außerdem Ergebnisse des vorangegangenen, mehrjährigen Forschungsprojektes.

Und ja, es gibt neue Erkenntnisse über die ersten Schaffensjahrzehnte des venezianischen Meisters. Der Maler stammte aus einer Familie, die zu den Popolani gehörte, jenen 80 Prozent der Bevölkerung, die politisch machtlos waren. Mit Malen versuchte Tintoretto, den der Chronist Vasari als „wunderlich, kapriziös, schnell und kühn und mit dem furchterregendsten Intellekt, den die Malerei je besessen“, beschrieb, seine Stellung zu verbessern. Da musste er sich etwas einfallen lassen, denn die Stadt war voll von Künstlern.

Überbordendes Talent – Tintoretto erfuhr nur eine kurze malerische Ausbildung – reichte nicht. Neue Marketingstrategien, wie man heute sagen würde, waren gefragt. Er produzierte nicht nur en masse und mit großer Experimentierfreude und Themenvielfalt, er verwendete auch Vorlagen anderer Maler (auch Dürer) und unterwanderte den von Tizian dominierten Markt mit Dumpingangeboten. Tintoretto beschäftigte Mitarbeiter und war selber als Subunternehmer für andere Maler tätig – sogar für Tizian. All das machte die Zuschreibung der Werke schon immer schwierig, diente aber letztlich dem Ziel, „die Malerei zu revolutionieren“, wie es der Kurator Roland Krischel formuliert.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das Werkstattverhältnis von Tintoretto zu Giovanni Galizzi. Der Kölner Tintoretto-Experte nennt „ganz unterschiedliche Kooperationspraktiken“. Entweder malten beide am selben Bild oder Galizzi vollendete einen angefangenen Tintoretto oder er arbeitete alleine nach einer Zeichnung des Meisters. Die Autorenangaben lauten nun „Tintoretto und Werkstatt“.

In Köln werden die Betrachter auf Qualitätsunterschiede hingewiesen. So wird die Architekturkulisse in „Christus und die Ehebrecherin“ Tintoretto zugeschrieben, die wenig ausdrucksstarken Figuren dagegen seinem Mitarbeiter. Zur Bestätigung wird auch ein malerisch unausgereifter Hl. Markus von Galizzi, den Krischel als „Handwerker“ bezeichnet, gezeigt. Dem Verkaufserfolg stand diese Praxis jedoch nicht im Wege.

Seit der Abnahme von Firnis-Schichten kann das allegorische „Liebeslabyrinth“ aus dem Besitz der englischen Königin wieder Tintorettos Werkstatt zugeschrieben werden und nicht wie zwischenzeitlich angenommen dem Flamen Lodewijk Toeput. Geklärt ist auch, dass es sich bei einer vermeintlichen Susanna um Psyche handelt. Außerdem wird eine bislang keinem Künstler zugeschriebene „Fußwaschung“ jetzt als ein Werk des gerade 20-Jährigen eingestuft.

Über zwei Deckenbilder aus Modena ist der Kurator besonders glücklich. „Das 16. Jahrhundert hat nichts Vergleichbares hervorgebracht“, sagt Krischel. Szenen aus Ovids „Metamorphosen“ sind in extremer Untersicht gemalt, die Tintorettos Modernität belegten. Auch auf anderen Bildern wie dem „Emmaus-Mahl“ oder „Jesus unter den Schriftgelehrten“ zeigt sich eine Dynamik, mit der der Maler die Bildfläche aufzusprengen scheint. Die Figuren springen den Betrachtern förmlich entgegen.

Ebenfalls neu war damals die einfühlsame Thematisierung der Frau. Ungewöhnlich, dass Tintoretto seine alttestamentarischen Szenen mit erotischen Untertönen versah. Für die Kirche wird er die Bilder kaum gemalt haben.

Mit Männern beschäftigte sich der Venezianer in ausdrucksstarken Porträts – etwa vom Dogen Alvise Mocenigo. Ihr Zustandekommen ist Ausdruck von Tintorettos erfolgreicher Netzwerkarbeit. Wer Tintorettos Selbstporträt (um 1547) eingehend betrachtet, wird einem Mann begegnen, der zwar mit einer großen Portion Selbstbewusstsein, aber auch mit gewisser Skepsis in die Welt blickt. Der nicht nur zu seiner Zeit als Schnellmaler Geschmähte scheint noch nicht zu ahnen, dass er zu den bedeutendsten Malern der Kunstgeschichte zählen wird.

Ausstellung bis zum 28. Januar

„A Star was born“, heißt die Ausstellung, die das Wallraf-Richartz-Museum in Köln dem Frühwerk von Jacopo Tintoretto widmet. Sie dauert bis zum 28. Januar.

Der Katalog ist im Hirmer-Verlag erschienen: 224 Seiten, 270 Abbildungen in Farbe, 35 Euro.

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