Von wegen "Stille Nacht": Die erfolgreichsten Weihnachts-Popsongs

HELMUT PUSCH 24.12.2013
Was haben traditionelle Weihnachtslieder und Christmas-Popsongs gemeinsam? Sie teilen die Zuhörerschaft: Während die einen wohlig schwelgen, fühlen sich die anderen zunehmend vom Radio genervt.

Und es begab sich zu der Zeit, als Popmusik noch Beat hieß und gerade mal eine Stunde lang im Südwesten zu hören war. In dieser gar nicht so fernen Vergangenheit - die erste Popwelle wurde erst 1970 mit dem "Pop Shop" aus der Taufe gehoben - waren Advent und Weihnachten fest in der Hand der traditionellen Chöre, der Anneliese Rothenbergers und Rudolf Schocks. Einziger Lichtblick im süß schwelgenden Einerlei: der amerikanische Soldatensender AFN. Auch da weihnachtete es, doch etwas weniger besinnlich.

Der Renner war "White Christmas", das Bing Crosby erstmals am 25. Dezember 1941 in einer Radioshow gesungen hatte. Geschrieben hat das Lied Irving Berlin, einer der ganz Großen der Unterhaltungsmusik, der sein Weihnachtslied nicht nur für seinen besten Song hielt, sondern gar für das beste Lied überhaupt. Bescheidenheit war Berlins Sache nicht. Der Erfolg sollte ihm aber irgendwie Recht geben. Denn Crosbys "White Christmas" wurde im Laufe der Jahrzehnte mehr als 50 Millionen Mal verkauft - die unzähligen Cover-Versionen nicht eingerechnet! Der Erfolg der Single war schon rasch so groß, dass dem Lied 1954 ein Film sozusagen auf den Leib geschneidert wurde. Der hieß, klar: "White Christmas".

Kein Wunder, dass Weihnachtspop spätestens seit Crosbys Erfolg ein Thema war. Der 1941 von Katherine K. Davis geschriebene "Little Drummer Boy" wurde ebenfalls von Dutzenden Interpreten (von Apocalyptica über Bob Dylan bis Gheorghe Zamfir) aufgenommen. Die erfolgreichste Version kam aber wieder von Crosby, der den Song 1977 als Duett mit David Bowie aufnahm. Der zweitgrößte Verkaufserfolg in Crosbys jahrzehntelanger Karriere, die 38 Nummer-Eins-Hits in den US-Charts aufzuweisen hat.

Crosby war der in der Wahrnehmung des Publikums der Weihnachtssänger. Dabei hatte er einen weiteren weihnachtlichen Millionen-Seller 1949 als zu jugendlich rundweg abgelehnt: "Rudolf, the Red-Nosed Reindeer". Der wurde dann zum Hit durch den singenden Cowboy Gene Autry.

Wer die Weihnachtshits der 40er und 50er Jahre gerne gebündelt auf einem Album sucht, dem sei "Christmas with the Rat Pack" mit Frank Sinatra, Sammy Davis jr. und Dean Martin ans Herz gelegt. Drei Superstars, deren Koketterie mit Alkohol und anderen Exzessen so gar nicht ins Besinnliche passen will. Vielleicht war es ja gerade ein ironisches Augenzwinkern, die ihren Interpretationen ihren ganz eigenen Reiz verpassten.

Und in der Pop-Neuzeit? Da herrschte erstmal Sendepause. Zumindest so lange, wie sich die Heroen des anspruchsvollen Pop noch als Gegenentwurf zum Establishment verstanden. In dem Sinne agierten auch John Lennon und Yoko Ono 1971 mit "Happy Xmas - War Is Over", ein Song, der zum Soundtrack einer Anzeigenkampagne wurde, die das Künstlerpaar als Protest gegen den Vietnam-Krieg geschaltet hatte. Heute gehört der Song zum Weihnachtsliedgut.

Auch "Do They Know Its Christmas", das das Allstar-Projekt Band Aid 1984 aufnahm, hatte das Ziel, die Welt in der Adventszeit aufzurütteln. Ging es doch darum, für die Hungeropfer in Äthiopien möglichst viel Geld zu sammeln.

Im eher kommerziell ausgerichteten Pop war es der Deutsche Frank Farian, der den Mega-Weihnachtshit der 70er Jahre landete: "Marys Boy Child" sangen Boney M. 1978 in dicken weißen Pelzen vor dem winterlichen Kreml (!), ein Remake des 1956er Erfolgs des Calypso-Königs Harry Belafonte.

Und der bis heute erfolgreichste Weihnachtssong der 80er? Ist eigentlich gar keiner. Denn in "Last Christmas" besingt George Michael, der damals noch die eine Hälfte des Pop-Duos Wham war, eine unglückliche Beziehung. "Vor einem Jahr zu Weihnachten habe ich dir mein Herz gegeben, doch schon schon am nächsten Tag hast du es weggeworfen. Dieses Jahr erspare ich mir die Tränen und werde es diesmal jemand ganz Besonderem schenken", heißt es da.

Die Schlittenglöckchen à la "Jingle Bells" und das Video zum Song, das fönfrisierte junge Menschen im winterlich verschneiten Sass Fee zeigt und damals stolze 60 000 Pfund kostete, zeigte Wirkung: Schnee, Alpen, Glöckchen? Das muss Weihnachten sein. Und so erklingt das Liedchen nicht nur häufig im Advent in den Popradios, seit 1984 ist es auch mehrmals wiederveröffentlicht worden, jedes Mal rechtzeitig vor dem Fest.

Kurz nach der Erstveröffentlichung kam es übrigens zu einem Rechtsstreit mit Barry Manilow, dessen "Cant Smile Without You" sehr ähnlich klingt. Wham und Manilow einigten sich außergerichtlich: Wie damals gemunkelt wurde, sollen die Tantiemen des ersten Jahres an das Band-Aid-Projekt geflossen sein. Die genaue Summe ist nicht bekannt, im ersten Jahr wurden aber 1,4 Millionen Singles verkauft - bis heute das erfolgreichste Musikstück in Großbritannien, das niemals die Charts anführte. Denn die Nummer eins blockierten damals die Kollegen von Band Aid mit "Do They Know Its Christmas". Der damalige Ausfall der Tantiemen dürfte Komponist und Textdichter George Michael nicht stören. Er soll mit seinem Evergreen jährlich zehn Millionen Euro verdienen.

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