Stuttgart Von Goldmachern und Schatzsuchern: Alchemie und Aberglaube

Stuttgart / HENNING PETERSHAGEN 11.03.2013
Staaten brauchen Geld. Daran hat sich in den letzten vier Jahrhunderten nichts geändert - wohl aber an den Versuchen, es zu beschaffen: Damals wurden Goldmacher bestellt - deren Beruf ein gewisses Risiko barg.

Wer schon in Prag auf der Burg war, kennt das Goldmachergässchen. Dort haben im 16. Jahrhundert Alchemisten im Auftrag Kaiser Rudolfs II. versucht, aus Blei oder Quecksilber hochwertiges Gold herzustellen - was ihnen bekanntlich nicht gelungen ist.

Weniger bekannt ist, dass auch Potentaten im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg Goldmacher beschäftigt haben - mit ebenso wenig Erfolg. Das haben wir sogar schriftlich: "Gold - Nichts", so ist das Resultat alchimistischer Bemühungen in einem Inventar für die herzoglichen Laboratorien aus dem Jahr 1608 vermerkt, das sich im Besitz des Hauptstaatsarchivs Stuttgart befindet.

Das verwahrt einen umfangreicher Bestand, der nur Material zu den Alchemisten enthält. Daraus sowie aus ergänzenden Leihgaben hat das Archiv nun eine Ausstellung gestaltet, die nicht nur von herrschaftlichen Goldmachern erzählt, sondern auch von privaten Schatzsuchern - die allerdings nur unwesentlich erfolgreicher waren als ihre experimentierenden Kollegen.

In Hohenlohe-Langenburg bemühte sich Graf Wolfgang II. (1546-1610) in seinem Schloss Weikersheim um die Herstellung des Edelmetalls. In Württemberg war es Herzog Friedrich I. (1557-1608), der versuchte, seinen erheblichen Finanzbedarf mit Hilfe der Alchemie zu decken: Im Lusthaus, das im Tiergarten stand, ließ er ein Labor einrichten, ebenso im Freihof in Kirchheim unter Teck.

Beide Herrscher waren nicht allein von Geldgier getrieben, sondern auch ganz erheblich von wissenschaftlichem Interesse. Ihre Leidenschaft gehörte der Alchemie, in der sich mit dem damals neuesten Stand der Naturwissenschaft freilich auch aller möglicher Hokuspokus vermengte, wodurch sie zur Geheimwissenschaft wurde. Herzog Friedrich ließ sich sogar in einer allegorischen Darstellung mit Symbolen porträtieren, die ihn als Alchemisten ausweisen.

Die suchten den "Stein der Weisen", eine Art Katalysator, der die Umwandlung des minderwertigen Ausgangsmaterials in Edelmetall bewirkte. Dazu kursierten Rezepte und Theorien, die mit allen möglichen Geheimzeichen und Symbolen gespickt waren. Ein wahres multimediales Gesamtkunstwerk ist die Schrift "Atalanta fugiens" (Die leichtfüßige Atalante) des Alchimisten und Prager Hofarztes Michael Maier (1596-1622). Ihre 50 Abschnitte enthalten jeweils eine vom Verfasser komponierte dreistimmige Fuge sowie einen Kupferstich Matthäus Merians d. Ä.

Das zeigt, dass manche Alchemisten ihre Aufgabe mit hohem Ernst verfolgten. Mitunter stammten sie sogar aus dem Kreis der Theologen wie Lukas Osiander (1571-1638). Das war der Sohn des gleichnamigen Stuttgarter Hofpredigers. Und als Beweis, dass ein Erfolg möglich war, mag jene "Müntz von alchemistischem Gold" gedient haben, die in der linksrheinischen württembergischen Grafschaft Mömpelgard aufbewahrt wurde und heute dem Münzkabinett des Landesmuseums Württemberg gehört.

Andererseits gab es Scharlatane, die mit ihrem Geschäft selber reich werden wollten. Das ging mitunter schief, wie der Fall des Georg Honauer beweist. Er nannte sich Georg Brunnhof von Grobeschütz, als er 1596 in die herzoglichen Dienste trat. Seine Anstellung hatte er mit gefälschten Versuchen erschlichen. Er sollte Eisen aus Mömpelgard in Silber verwandeln.

Doch der versprochene Erfolg ließ auf sich warten, der Alchemist floh, wurde 1597 gefasst und an einem extra für ihn gefertigten "Alchemistengalgen" gehenkt. Der war aus dem mömpelgardischen Eisen geschmiedet - und vergoldet worden. Er wurde nach der Hinrichtung nicht wieder eingeschmolzen, sondern noch mehrfach verwendet für die erfolglosen Goldmacher Petrus Montanus, Heinrich Nüscheler und Hans Heinrich Mühlenfels. Dieses rigide Verfahren scheint auch rechtschaffenen Alchemisten ihr hohes Berufsrisiko verdeutlicht zu haben. Jedenfalls quittierte Lukas Osiander nach Honauers Hinrichtung den Dienst und kehrte in den Schoß der Kirche zurück.

Von der Sehnsucht nach plötzlichem Reichtum waren erst recht jene Bevölkerungsschichten beseelt, denen die Mittel zur Einrichtung alchemistischer Laboratorien fehlte. Sie setzten auf eine andere Möglichkeit: die Schatzsuche. Zwar wurden immer mal wieder Schätze entdeckt, die frühere Generationen angesichts drohender Feinde vergraben und nicht mehr gehoben hatten. Aber da es keine Metallsonden gab, war es praktisch ausgeschlossen, solche Horte zu finden.

Also musste auch hier die Magie herhalten. Manche versuchten es mit Wünschelruten, andere beschworen Dämonen und dienstbare Geister, wofür es höchst kreativ gestaltete Gebrauchsanweisungen und Tabellen gab. Und da gleichzeitig die Vorstellung herrschte, dass Schätze von Geistern bewacht wurden, waren Amulette und Zauberzettel in Umlauf, die gegen Geister halfen.

Letztendlich aber glich ihr Erfolg dem der Alchemisten. Darum hat der Straßburger Satiriker Sebastian Brant schon 1494 in seinem Bestseller "Das Narrenschiff" die Alchemisten und die Schatzsucher gleichermaßen als Narren verspottet.

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