Völklingen Von der Kohle zur Kultur

RUTH REIMERTSHOFER 18.08.2012
Seit 30. Juni wird im Saarland keine Kohle mehr gefördert. Die einen macht das melancholisch, die anderen sind stolz auf das, was aus der Industrielandschaft wurde: ein ungewöhnlicher Ort für Kunst und Kultur.

Jahrzehntelang ging Gerd Thurn allmorgendlich zur Arbeit in die "Hütte". Der Elektriker hat sein Leben dem Bergbau gewidmet. Heute ist er Rentner, lebt in einem Häuschen in Völklingen-Luisenthal, wo sich vor 50 Jahren ein schweres Grubenunglück mit 299 Opfern ereignet hatte, und hält als Ehrenvorsitzender des Bergmannvereins Tradition und Ansehen seiner Zunft hoch. Wenn es um das Aus für Kohle im Saarland geht, wird der 76-Jährige melancholisch. Die sei untrennbar mit der Identität des Saarlands verbunden.

Heute geht Meinrad Grewenig morgens zur Arbeit in die Völklinger Hütte, oder besser: ins Weltkulturerbe Völklinger Hütte. So darf sich die ausrangierte Industrieanlage seit 1999 nennen, und so heißt auch die Autobahnausfahrt Nummer 8, die zu den in den Himmel ragenden Schornsteinen und Eisenkuppeln mitten in der Stadt führt. Der Professor für Kunstgeschichte ist Generaldirektor des dortigen Ferrodroms. Er erklärt die Europäische Route der Industriekultur so leidenschaftlich, wie andere Männer von ihrem Auto schwärmen. Ein Ideenlabor sei diese Arbeitsstätte, eine Attraktion fürs Saarland und das weite grenzüberschreitende Umland.

Die beiden Männer stehen für das heutige Saarland - zwischen selbstbewusster Vergangenheit und wegweisender kultureller Gegenwart.

Die industrielle Tradition geht auf das Jahr 1873 zurück, als mit der Völklinger Hütte eines der ersten Eisenhüttenwerke in Deutschland und der Welt gegründet wurde. Die Gegenwart bietet eine Stätte der Kunst und Kultur, zu der allein vergangenes Jahr mehr als 400 000 Menschen geströmt sind. Eine vollständig erhaltene Industrielandschaft Deutschlands hat hier ein Denkmal bekommen.

Seit 2004 schon ist dort das Ferrodrom zu besichtigen. Es war das erste Science Center im Raum Saarland-Lothringen-Luxemburg, eine multimediale Erlebniswelt rund um Eisen und Stahl. Neue Wege geht Völklingen mit der Beteiligung an "Mono 2012". Gemeinsam mit dem Centre Pompidou in Metz, einem Ableger des großen Pariser Museums, werden Werke zeitgenössischer Fotografen gezeigt. Als Mittelpunkt einer Kulturoffensive steht Völklingen damit in einer Reihe bedeutender Museen im Dreiländereck, die nicht mehr durch Grenzen, Konflikte und Kriege getrennt sind, sondern sich heute immer stärker durch kulturelle und wirtschaftliche Verbundenheit auszeichnen. Für Meinrad Grewenig funktioniert die klassische Trennung zwischen Hochkultur und Popkultur nicht mehr. "Wir wollen ins Zentrum der Gesellschaft mit Themen, die alle Menschen und nicht nur die Fachkollegen ansprechen." Kulturvermittlung, die ein großes Publikum erreicht, heißt die Devise, die das kleine Bundesland - mit einer Million Einwohnern vergleichbar mit dem Stadtstaat Bremen und neben dem Ruhrpott bislang das zweitgrößte deutsche Kohle- und Stahlrevier - aus der hohen Verschuldung führen mag.

Von jeher sehen sich die Saarländer als lebenslustiges Völkchen mit guter Küche, besonderem Lebensstil und - wie im Falle von Gerd Thurn - tiefverwurzeltem Stolz auf die lange Bergbautradition. Doch die Kohlenkrise und die darauf folgende enorme Arbeitslosigkeit sind wie im Ruhrgebiet heftig über das Land und seine Menschen hereingebrochen, das seit Generationen von den reichen Vorkommen des "Schwarzen Goldes", aber auch von den Schäden geprägt war, die der Bergbau verursacht hat.

So kommen jetzt neue Aufgaben, Perspektiven und Herausforderungen hinzu. Grewenig sieht die im "einzigartigen Dialog zwischen Industriekultur und Natur". Die stellten "eines der künstlerischen Themen unserer Zivilisation" dar. Er blickt dabei auf eine neue Gartenlandschaft zwischen alter Kokerei und Stahl-Kohleturm aus dem Jahr 1897, die ungewohnte Ausblicke auf die Hochöfen, die Saar und die ehemaligen Koksbatterien ermöglicht. "An diesem spannenden Ort zwischen Natur- und Denkmalschutz werden wir immer wieder auch Künstlerinstallationen zeigen", sagt der Kulturwissenschaftler. Er ist stolz auf "sein" Weltkulturerbe.

Denn das bietet nächtliche Führungen, Jazzkonzerte, Kunstausstellungen. So mauserte es sich zur Einrichtung, die neben den ägyptischen Pyramiden, der Großen Chinesischen Mauer und dem Kölner Dom ihre besondere Rolle angenommen hat, und sich selbst als "einen der spannendsten Orte der Welt" darstellt. Die Besucherzahlen der Völklinger Hütte stützen diese sebstbewusste Einschätzung. Sie ist heute der größte Touristenmagnet des Saarlands. Einer Befragung der Deutschen Tourismuszentrale zufolge liege sie weltweit auf Platz 43 der beliebtesten deutschen Reiseziele und auf Platz 1 der Industriekulturdenkmale.

Wer auf der 27 Meter hohen, 240 Meter langen begehbaren Gichtbrücke steht, von der aus einst die Hochöfen befüllt wurden, oder vom Dach der Erzhalle den Blick über die Stadt streifen lässt, die mit der Landeshauptstadt Saarbrücken zu verschmelzen scheint, versteht weshalb. Der Blick auf den alten Förderturm der Grube Luisental jedoch führt zurück zu Gerd Thurn, der überzeugt ist: "Wir hätten noch ein paar Jahre Kohle fördern können, mit unseren modernen Anlagen und verbesserten Sicherheitsnormen, während auf der ganzen Welt Bergleute unter unmenschlichen Bedingungen billige Kohle zu Tage bringen und sterben, wie in Südafrika, Südamerika oder China."