Stuttgart Vom Reiz des Comicbuchs

Stuttgart / BETTINA WIESELMANN 06.05.2015
Graphic Novels werden in Deutschland noch immer unterschätzt. Das will die Berthold-Leibinger-Stiftung ändern: Als erste Preisträgerin erhielt Birgit Weyhe jetzt deren mit 15.000 Euro dotierten 1. Comicpreis.

"Ich bekenne meine Liebe zur Literatur, zum gesprochenen Wort, und bin froh, mir die Bilder denken zu können", sagte Berthold Leibinger, Seniorchef des Werkzeugmaschinenbauers Trumpf, am Montagabend im vollbesetzten Vortragssaal des Stuttgarter Literaturhauses. Und doch gestand der kulturell vielfach engagierte Namensgeber seiner Stiftung, die jetzt erstmals einen künftig jährlich ausgelobten Comicbuchpreis vergeben hat, "die Verbindung von Bild und Wort auf hohem Qualitätsniveau in der neuartigen Form des Comicbuchs hat uns gereizt".

Ausgezeichnet wurde mit diesem mit 15.000 Euro bislang höchstdotierten deutschen Preis für Comics und Graphic Novels die Wahlhamburgerin Birgit Weyhe für ihr Buchprojekt "Madgermanes". Unter den zehn Finalisten waren auch Robert Deutsch mit "Alan Turing" und Ji Hyun Yu mit "Candide oder der Optimismus". Die Auszeichnung ist ausdrücklich als Förderpreis gedacht, "für einen hervorragenden, unveröffentlichten, deutschsprachigen Comic". So erscheint auch Weyhes Buch wohl erst 2016 im Avant-Verlag. Die 45-jährige Autorin und Zeichnerin kann jetzt ohne finanzielle Sorgen an der Fertigstellung des auf gut 250 Seiten angelegten Bands arbeiten - "ein ungeheurer Luxus", wie sie dankend bekannte.

"Madgermanes" behandelt die weithin vergessene Geschichte mosambikanischer Vertragsarbeiter in der DDR der 1980er Jahre. Was damals in Ostberlin wie Maputo als Kontinente übergreifende sozialistische Bruderhilfe gepriesen wurde, entpuppte sich für die allermeisten der mehr als 20.000 Afrikaner vor allem als großer Betrug. Ihr fast zur Hälfte einbehaltener Lohn wurde später zwar nach Mosambik überwiesen, ihnen aber nie ausbezahlt. "Madgermanes" nennen sie sich, noch heute - das "Made in Germany" verballhornend.

Birgit Weyhe, die in Uganda und Kenia aufwuchs, hat für ihr viertes Comicbuch jahrelang recherchiert. Gespräche mit ehemaligen mosambikanischen Arbeitern, die fast alle nach 1990 wieder nach Hause mussten, bestätigten, was sie selbst auch kennt: Wie fremd einem Heimat werden kann. Aus den vielen realen Erzählungen Betroffener hat die Autorin drei fiktive Personen geschaffen. In Wort und Bild wird die Gespaltenheit der Protagonisten deutlich und gleichzeitig ein Blick von außen auf das Deutsche in der untergehenden DDR ("Pünktlichkeit ist hier sehr wichtig") geworfen.

Ein Comic, so befand die Jury, "der in seiner Bild- und Erzählsprache selbst die Grenzen zwischen afrikanischer und europäischer Kultur überschreitet". Laudator Andreas Platthaus zufolge ist die hybride Kunstform der Graphic Novel noch immer eine weithin unterschätzte, im Sinne von unterfinanzierte Erzählform. "Ein Comic ist kein Bilderbuch, weil in ihm nicht illustriert, sondern interpretiert wird: der Text durch die Zeichnungen, aber genauso umgekehrt die Zeichnungen durch den Text. Und gerade weil beides sich nicht unmittelbar versöhnt, will man wissen, wie es weitergeht", sagte der stellvertretender FAZ-Feuilletonchef. "Madgermanes" werde dem Horaz'schen Anspruch gerecht, wonach Kunst belehrend, erfreuend und bewegend zu sein habe. Außerdem passe es wie kein zweites in die Zeit, "die mit Pegida einen Reizbegriff bietet", den es noch gar nicht gegeben habe, als die Jury im Herbst tagte.

Zur Person vom 6. Mai 2015

Autorin und Zeichnerin Birgit Weyhe wurde 1969 in München geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Ostafrika und kehrte erst nach dem Abitur nach Europa zurück. Auf ein abgeschlossenes Germanistik- und Geschichts-Studium hin studierte sie von 2002 bis 2009 in Hamburg Illustration. 2007 belegte sie beim Wettbewerb des Fumetto-Festivals Luzern den 2., 2009 bem NextComic Festival in Linz den 1. Platz. Auszüge aus ihrem jetzt ausgezeichneten Buchprojekt "Madgermanes" sind noch bis 31. Juli im Literaturhaus Stuttgart zu sehen.

 

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