In Bonn widmen sich fast zeitgleich zwei Ausstellungen kunst- und kulturgeschichtlichen Themen, bei deren Nennung die Gedanken ins 19. Jahrhundert schweifen. Die Protagonisten heißen Malerfürst und Flaneur. Ist der Erstgenannte tatsächlich ein Phänomen der Vergangenheit, so eignet sich die Figur des Flaneurs als Gegenentwurf zur heutigen Welt der Beschleunigung und Aufgeregtheit.

Sie könnten gegensätzlicher kaum sein – der Malerfürst, der die Nähe der Reichen und Mächtigen suchte, und der Flaneur, der ziellos durch die Straßen der Stadt streifte und vermeintlich alles und jeden eines Blickes würdigte. So unterschiedlich sind auch die beiden Präsentationen geraten. Untersucht die Bundeskunsthalle den Typus Malerfürst an sieben historischen Beispielen, so verlängert das an der Museumsmeile gegenüberliegende Kunstmuseum das Leben des Flaneurs bis in unsere Tage.

Allerdings kommt der klassische Flaneur als Motiv in der Kunst der letzten Jahrzehnte so gut wie nicht mehr vor. Doch sein Gespür für das, was die Stadt ausmacht, prägt die Arbeitsweise mancher Künstler. Das zeigt die Schau, die von sich behauptet, die erste zu sein, die sich diesem Thema verschreibt, mit 160 Werken von rund 70 Künstlern.

Von Pariser Boulevards, wo Flaneure Jean Bérauds oder van Goghs im Bann der Magie der Großstadt schon bald in den Sog der Warenwelt geraten wie August Mackes „Frau mit Sonnenschirm vor Hutladen“ (1914), führt sie in Berliner Szenen von Grosz und Kirchner zur Bedrohlichkeit der von Industrialisierung und Kriegsfolgen gezeichneten Metropole. Was ist aus dem Flaneur in den immer unwirtlicher gewordenen Städten geworden, welche Rolle spielt er heute? Schon früh ist er im Extremfall aus dem Bild verschwunden wie in Gustav Wunderwalds „Fabrik von Loewe & Co.“ (1926) und im fotorealistischen „Downtown“ von Richard Estes (1978).

Fotografie schafft Gegenbild

In Lyonel Feiningers kubistischer Malerei wurde er zur reinen Form. Oder er muss die Anonymität der Masse ertragen wie 1897 bei Camille Pissarro und 1905 bei Max Liebermann. Nicht nur amerikanische Street Photographer wie Lee Friedlander, Stephen Shore und Garry Winogrand, auch Europäer wie Friedrich Seidenstücker und André Kértesz, Brassaï und Doisneau haben ihre Motive beim Flanieren gefunden. Der ausgewiesene Flaneur-Fotograf Beat Streuli, der Menschen in aller Welt so festhält, als gebe es für sie kein Innehalten, zeigt als Vertreter der zeitgenössischen Kunst, dass der forschende Blick in die Stadträume keineswegs ein Phänomen vergangener Tage ist. Er bietet Gegenbilder an, nicht nur zur digitalen Pseudorealität.

Anders verhält es sich mit dem Malerfürsten. Der wird in Bonn als Figur der Kunst- und Sozialgeschichte der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts definiert. Der Engländer Frederic Lord Leighton und Hans Makart aus Österreich, der Pole Jan Matejko und Mihály von Munkácsy aus Ungarn sowie der Münchner Maleradel Friedrich August von Kaulbach, Franz von Lenbach und Franz von Stuck – das sind die Protagonisten, an deren Leben und Werk eine Typologie dieser einmaligen Künstlerfigur entfaltet wird. Nicht die Werke stehen im Mittelpunkt, obwohl sie alle handwerklich hervorragende Maler gewesen seien, wie Kuratorin Katharina Chrubasik betont, sondern die Persönlichkeiten – so wie in ihrem Leben.

Das wichtigste Kriterium für die Rolle eines Malerfürsten war die Selbstinszenierung in und für die Öffentlichkeit. Sie zeigten sich in Gewand und Pose alter Meister wie Rubens oder posierten im Renaissancekostüm. Sie setzten ihre Frauen und Kinder pompös ins Bild und ließen sich Paläste wie das Lenbach-Haus und die Villa Stuck errichten. In den Ansichten ihrer prunkvollen Ateliers sieht es dagegen nie nach Arbeit aus. Der Reichtum der Maler­fürsten gründete auf Selbstvermarktung und ausgeprägter Kontaktpflege. Porträts wie Lenbachs Bismarck-Bildnisse und Historiendarstellungen waren beliebt. Die Präsentation von Munkácsys Monumentalgemälde „Christus vor Pilatus“ wollten in zwei Monaten nicht weniger als 200 000 Besucher sehen.

Schon zu Lebzeiten erfuhren diese Herren Huldigungen jedweder Art. Makart durfte den Wiener Festzug zu Ehren des Königspaares künstlerisch gestalten, Munkácsy erhielt den Adelsbrief und für das Wirken Matejkos im Reich der Kunst wurde ihm ein Zepter überreicht. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs war der Spuk vorüber und die Malerfürsten gerieten an den Rand des kunstgeschichtlichen Interesses. Nun erleben sie ein glanzvolles Comeback – und Markus Lüpertz darf sich Anregungen holen.

Öffnungszeiten und weitere Infos


„Der Flaneur“ bis 13. Januar Kunstmuseum Bonn, Friedrich-­Ebert-­Allee 2: Di-So 11-18, Mi 11-21 Uhr. Katalog 35 Euro. www.kunstmuseum-­bonn.de

„Malerfürsten“ in der Bundeskunsthalle Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4, ist bis 27. Januar zu sehen: Di/Mi 10-21 Uhr, Do-So 10-19 Uhr, Katalog 34 Euro. www.bundeskunsthalle.de