Die Hochkultur öffnet sich der digitalen Welt: Immer mehr Theaterhäuser bieten ihre Aufführungen nicht mehr nur live auf der Bühne an, sondern auch online. Theater im Netz sei eine große Chance, "um mit einem Publikum in Kontakt zu treten, das nicht zu den typischen Theaterbesuchern gehört", heißt es beim Deutschen Bühnenverein. Der Verband befasste sich am Wochenende auf seiner Jahreshauptversammlung mit dem Thema.

Rund 250 Intendanten und Direktoren diskutierten auf ihrer Tagung in Potsdam auch über eine stärkere Präsenz im Internet. Vor kurzem kündigten 15 Opernhäuser aus ganz Europa an, einige ihrer Produktionen über die "Opera Platform" ins Netz stellen zu wollen. Zum Start zeigte das Teatro Real in Madrid live Verdis "La Traviata". Mit dabei ist der Kulturkanal Arte, aus Deutschland beteiligen sich die Komische Oper Berlin und die Oper Stuttgart. Die Produktionen sind sechs Monate frei im Archiv abrufbar und werden in sechs Sprachen untertitelt. Dazu gibt es Hintergründe, Interviews und einen Blick hinter die Kulissen.

Theater-Streaming ist ein Lieblingsthema des Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner. Chris Dercon, designierter Intendant der Berliner Volksbühne, plant sogar Extra-Streaming-Stücke, es soll eine neue "digitale Bühne", genannt Terminal Plus, geben. Künstler sollen ihre dafür geschaffenen Produktionen in der Studiobühne der Volksbühne aufzeichnen und live senden. Die Bremer Schwankhalle bietet Audio-Streams an, aber auch Podcasts zum Nachhören.

Die Bayerische Staatsoper zeigt Aufführungen unter dem Label StaatsoperTV und erreicht nach eigenen Angaben pro Stream zwischen 40 000 und 100 000 User. Da die Staatsoper seit Jahren unverändert an einer Auslastung von 100 Prozent kratzt, verliert sie dadurch keine Zuschauer, sondern "generiert zusätzliches Publikum", wie eine Sprecherin sagte.

Am ältesten städtischen Theater Deutschlands in Ulm werden schon seit 2012 Vorführungen von der Bühne abgefilmt und gestreamt. Auf 4000 Online-Zuschauer kommen sie pro Spielzeit. "Das ist jetzt noch nichts, wo man Angst haben muss, dass man sich das Haus leerstreamt", sagte Verwaltungsdirektorin Angela Weißhardt. Nicht nur Schwaben schalteten zu. "Zwei Drittel sind überregional." "Wir betrachten es als Werbemaßnahme für Vorstellungen", sagte der Ulmer Operndirektor Matthias Kaiser. Allerdings: "Viele sagen, es kann das Erlebnis gar nicht ersetzen", so Theatersprecherin Susanne Lemke.

Das Theater Kiel überträgt seit 2012 Open-Air-Veranstaltungen namens "Sommertheater" kostenlos an bisher drei unterschiedliche Orte in der Stadt. In diesem Sommer wird die Oper "Nabucco" aufgeführt. Die Rückmeldungen seien durchweg positiv gewesen, weil viele Zuschauer anschließend ins Theater kamen, um sich Vorstellungen "live" anzusehen.

Vielen Häusern fehlten aber die personellen und finanziellen Ressourcen, um digitale Strategien umzusetzen, so der Bühnenverein. Alle Aufführungen vollständig ins Netz zu stellen, lehnt der Verband klar ab. Er regt neben Livestreams großer Aufführungen an, spezielle künstlerische Arbeiten ausschließlich für das Netz zu produzieren.