Wenn die letzten Sonnenstrahlen leuchten, dann beginnt das große Schimmern. Wie ein Tempel aus Glas, monumental und fragil zugleich, wirkt der Parthenon im Abendrot. Dass seine Säulen mit Plastikfolie verkleidet sind, sieht man erst aus der Nähe, und auch, worum es sich bei den bunten Mosaiksteinen handelt: Tausende verbotene Bücher lässt die Argentinierin Marta Minujín an den Säulen anbringen, ihr lichtes Monument ist ein Mahnmal für die Meinungsfreiheit.

Ohne Botschaft lässt einen die Documenta 14 nun mal nicht davonkommen, und so ist man schon froh, wenn sich dieselbe auf dem Kasseler Friedrichsplatz nicht genauso graubraun aus­nimmt wie in Athen, wo die weltwichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst im April Premiere hatte. Erstmals findet die Documenta gleichberechtigt in einer anderen Stadt statt, morgen eröffnet sie in ihrer Heimat Kassel.

Die Künstler sind im Wesentlichen dieselben geblieben, ebenso wie die wolkig-postmodernen Statements auf der sagenhafte zweieinhalb Stunden andauernden Pressekonferenz. Da wurden sie in Grund und Boden geredet, die finsteren Mächte namens Kapitalismus, Kolonialismus, Nationalismus und allen voran: Neoliberalismus. Und Chef-Kurator Adam Szymczyk erklärte es auch dem deutschen Publikum  gern nochmal, dass Lernen heute heiße zu ent-lernen: „Die große Lektion ist, dass es keine gibt.“

Zu den immanenten Widersprüchen der Documenta 14 zählt, dass man sich auf kaum einer Kunstausstellung so häufig belehrt gefühlt hat. Doch wer sich durch die eher staubige Veranstaltung in Griechenland gekämpft hat, wird das Heimspiel als rettend empfinden, hat die Verheiratung von Provinz und Internationalität doch unzerstörbaren Charme. Im beschaulichen Hessen wirkt es automatisch irritierender, wenn Ibrahim Mahama historische Gebäude mit Jutesäcken verhüllt, und auch der unauffällig graue Obelisk von Olu Oguibe hat im Zentrum der kleinen Stadt zumindest Chancen auf Wahrnehmung: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“, steht darauf mehrsprachig  in goldenen Lettern geschrieben.

Die verspielte Röhren-Wabe von Hiwa K am Eingang zur Karls­aue scheint trotzdem mehr Anhänger zu finden. Der aus dem Irak stammende Künstler hat Studierende der Kasseler Kunsthochschule gebeten, sich die 20 Röhren wohnlich einzurichten. In hobbithaften Höhlen liegen nun Matratzen, stehen Topfpflanzen und Turnschuhe, hat jemand eine Bibliothek aufgestellt; dass die Großinstallation auch auf die provisorischen Unterkünfte Geflüchteter verweisen könnte, soviel Abstraktionsfähigkeit gesteht das Werk dem Betrachter zu. Auch im Fridericianum traut man sich, die Kunst einfach mal vor sich hinwirken zu lassen, und siehe: Es funktioniert! Das Nationale Museum für zeitgenössische Kunst in Athen (EMST), das in der Krise nie richtig eröffnen konnte, hat einen Teil seiner Sammlung geschickt. Zwar grimmt dem Besucher auch da der Bauch – denn wie passt es zur hehren antikolonialistischen Gebärde, die griechische Sammlung nicht zuerst im armen Athen, wohl aber in Deutschland zu zeigen?

Andererseits zählt dieser Teil zu den interessanten, nicht nur, weil Namen wie Jannis Kounellis oder Mona Hatoum vertreten sind, sondern weil von Abakus bis Ödipus so vieles so erstaunlich griechisch ist. Womit wir beim Thema der Identitäten sind, das in der Documenta-Halle endlich mit der gebotenen Ernsthaftigkeit angegangen wird. Oben empfangen die unvermeidlichen Indianermasken von Beau Dick, die untere Etage ertrinkt in gutgemeinter Kirchentags-Optik: Ohne Text erschließt es sich einfach nicht, dass die blassblauen Textilien von Aboubakar Fofana von der Gewaltgeschichte der Farbe Indigo künden sollen. Wenn nicht die gewaltig-gewalttätigen Bilder der Miriam Cahn wären, könnte man die Halle glatt auslassen und hinüber in die Neue Galerie wechseln, wo Maria Eichhorn im „Rose Valland Institut“ untersucht, was mit jüdischem Besitz im „Dritten Reich“ passierte.

Oder die Straßenbahn nach Norden nehmen, wo die Documenta ihre eigentliche ästhetische Heimstatt gefunden hat. In den kargen Hallen der ehemaligen Hauptpost ist reichlich Platz für Performances und Installationen, und wer die Treppen hochläuft, der könnte sich fast in die wirklich wahre Realität verirren. Ein Schild an der Glastür weist den Weg zum „Regionalbüro Nord für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“.

Mehr als 160 Künstler, 30 Orte


Weltkunstausstellung Die Documenta 14 eröffnet morgen, Samstag, im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für das breite Publikum. Das 34 Millionen Euro teure Kunst-Großevent findet in diesem Jahr in Kassel und Athen statt, wo bereits seit April Werke zu sehen sind. Die Ausstellung dauert in beiden Städten je hundert Tage. Mehr als 160 Künstler präsentieren in Kassel an rund 30 Ausstellungsorten noch bis 17. September ihre Werke. Die Documenta erstreckt sich über Museen, Plätze und Parks, ein Kino und eine Unterführung sowie Hallen auf dem Uni-Gelände. Ein zentraler Ort ist die ehemalige Hauptpost in der Nordstadt, einem Problembezirk Kassels. Neben Bildern und Skulpturen gibt es viele Performances auf Straßen und in Gebäuden sowie Filme, Installationen und Dokumentarmaterial. Sogar ein eigenes Radioprogramm wurde für die Documenta entwickelt. Mehr Infos: www.documenta14.de dpa