Stuttgart Verteufelt human: Goethe mit Walser und Selge

Edgar Selge und Franziska Walser in "Iphigenie auf Tauris". Foto: Bettina Stöß
Edgar Selge und Franziska Walser in "Iphigenie auf Tauris". Foto: Bettina Stöß
Stuttgart / OTTO PAUL BURKHARDT 25.01.2014
Neu im Ensemble, und schon sind sie Publikumslieblinge: Franziska Walser und Edgar Selge zeigen in Stuttgart die hohe Kunst des Sprechtheaters.

Goethes Klassiker "Iphigenie auf Tauris" galt zeitweise als Weihespiel edelster Humantät. Doch von wegen edel: Goethe selbst nannte sein Drama eher "verteufelt human". Denn in all den erlesenen Dialogen geht es um Krieg, um Menschenopfer, um Kannibalismus - kurz, um alle Gräuel, zu denen Menschen eben fähig sein können.

Franziska Walser und Edgar Selge gelten im neuen Ensemble unter Intendant Armin Petras jetzt schon als Zuschauerlieblinge, ja, als eine Art Traumpaar der Bühne und des Lebens - vor allem fürs reifere Publikum. Warum? Weil es zwei Vollblutschauspieler sind, die sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, sondern es in Stuttgart nochmal richtig wissen wollen. Denn ihre "Iphigenie" - eine ins Kammertheater übernommene Koproduktion des Gorki Berlin und der Ruhrfestspiele - ist kein auf leicht konsumierbar gestylter Abend. Sondern eine ambitionierte Spiel-Art in eigener Regie - Schauspielertheater aus erster Hand.

Franziska Walser spielt ihre Iphigenie gegen die Konvention: Da steht keine weißgewandete, keusche Unschuldspriesterin, die gepflegte Jamben zelebriert, sondern eine selbstbewusste Frau in schwarzer Kleidung, die mit kräftiger Stimme und klarem Verstand einen gangbaren Weg sucht - heraus aus der Gewaltspirale von Lügen und Grausamkeiten in Politik und Religion. Andrerseits verweigert sich Walsers Iphigenie auch allen Brüll- und Aktionismus-Konventionen, die im Regietheater der schlechteren Sorte so Usus sein mögen.

Was bleibt? Sehr, sehr fein ausgehorchtes, jeden Satz neu erwägendes Sprechtheater. Und eine karge Inszenierung auf fast leerer Bühne - Edgar Selge übernimmt alle weiteren Rollen und verleiht vor allem seinem Orest sehr eindrückliche Tonfälle traumatisierter Verzweiflung.

Naja, ab und zu lassen die beiden auch die Luft raus: "Du zauderst Dich hier von einem Monolog zum andern", frotzelt Selge irgendwann. "Und du spielst hier eine Männerrolle nach der andern", stichelt Walser zurück. Auch ein paar Puppenspieleinlagen bringen Phasen der Entspannung. Sonst bleiben die beiden konsequent: Starkes Sprechtheater, in dem es um etwas geht - um mehr Menschlichkeit in einer von Gewalt zerrütteten Welt.

Info Erneut am 25. und 26 Januar.

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