Staatsoper Verdi mit Techno-Beats

München / Otto Paul Burkhardt 13.03.2018

Das hat es selten gegeben: Mitten in einer Verdi-Oper hören wir plötzlich Techno dröhnen – mit wummernden Elektro-Beats. Der Dirigent zieht Kopfhörer über, das Orchester gibt nur noch fahle Geigen-Loops von sich. Statt der originalen  Balletteinlage „Vier Jahreszeiten“ sehen wir einen apokalyptischen Totentanz – mit düsteren Sounds, die im Verdi-Umfeld wie Science Fiction anmuten. Klar, diese „Klangintervention“ der Sol Dance Company unter Dustin Klein war die Überraschung des Abends, und dafür kassierte Regisseur Antú Romero Nunes denn auch am Ende ein mittleres Buh-Gewitter, das aber im Schlussjubel unterging. Wie auch immer, Nunes bot mit seiner Inszenierung von Verdis „Les Vêpres siciliennes“ Stoff für Debatten. Am Sonntag war Premiere an der Bayerischen Staatsoper.

 Mit diesem Techno-Angriff auf die  Opernroutine konnte – bei einem eher erwartbaren Verlauf bis dahin – niemand rechnen. Denn Nunes, der sich als gefragter Schauspielregisseur jüngst auch dem lukrativeren Musiktheater zuwendet, zeigte bei seiner zweiten Opernregie für München noch viel Respekt vor bequemen Unarten des Genres. Statisches Rampensingen und Herz-Schmerz-Gesten aus der Klischee-Rumpelkammer – das alles dominiert über weite Strecken.

Trotz dieser Schwächen in der Personenregie gelingt Nunes eine eigenwillige Sicht auf die Oper, die – nur lose orientiert an historischen Fakten – den Vorabend einer blutigen sizilianischen Revolte gegen die französischen Besatzer im Jahr 1282 schildert. Alles findet gleichsam im Auge des Todes statt. Eine riesige schwarze Industrieplane geistert durchs Stück, wogt bedrohlich oder bedeckt die Szene wie ein Leichentuch. Die Opfer der Besatzer-Tyrannei hängen kopfüber vom Schnürboden herab, und Montfort, der französische Despot, bewahrt seine Ex-Geliebte in einem Horrorschrein auf – wie ein Präparat in Formaldehyd hinter Glas. Ein Flüchtlingsjunge in Schwimmweste, von Nunes dazu erfunden, dient als roter Faden der Inszenierung; er wird das finale Massaker als einziger überleben. Aber sonst: stilisierte Massenszenen, ästhetisch elegant bebildert mit Nebel, Regenschlieren und malerischem Schnee im Gegenlicht.

Die Besetzung? Ein Sängerfest. Bryan Hymel stattet den Rebellen Henri mit einem geradezu furiosen  Tenor aus und muss kurz vor Schluss erkältungsbedingt passen – Leonardo Caimi singt vom Bühnenrand aus weiter. Rachel Willis-Sørensen wertet ihre Hélène mit schwebeleichten Höhen zur Freiheitskämpferin auf. Und Erwin Schrott singt den Procida, einen zynischen Terror-­Hardliner im scheinheiligen Winnetou-Outfit, mit machtvoll orgelndem Bass und viel Pathos. Die Stimme des Abends gehört George Petean, der seinen Montfort mit  überraschend zarten, berührenden Kantilenen adelt.

Schon bei der Ouvertüre mit Trommeldonner, knallenden Märschen und schmachtenden Melodien zeigt Omer Meir Wellber am Pult des Bayerischen Staatsorchesters, wie feurig, durchpulst und kontrastreich Verdi klingen kann. Alles in allem: starke Stimmen, beseelte Musik und eine streitbare Regie.

Die künftigen Chefs stellen sich vor

Personalien „Mozart, Wagner, Strauß sind natürlich die DNA der Staatsoper, mit Aufführungen, die seit Jahrzehnten als Referenzen gelten.“ Das sagt Serge Dorny, der von Herbst 2021 an die Intendanz der Bayerischen Staatsoper übernimmt. Es gelte, das Erbe zu erhalten, doch nur Tradition reiche nicht aus, sagt Dorny, der mit dem neuen Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski in München starten wird. Neues und Unbekanntes wollen sie vermehrt spielen. „Das Repertoire mit Werken von heute anzureichern, gibt uns gleichzeitig die Legitimität, die von gestern zu zelebrieren“, sagte der Belgier Dorny am Montag in München. Das entspricht dem, was Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle von den Neuankömmlingen erwartet: die Tradition eines großen Hauses pflegen und gleichzeitig neue Wege beschreiten. Auch Staatsintendant Nikolaus Bachler, der das Haus noch bis Sommer 2021 leitet, arbeitet schon in diese Richtung. In der Tat ist die Ära Bachler ein Erfolg, vor allem in Kombination mit Generalmusikdirektor Kirill Petrenko, der 2013 nach München kam. Große Erwartungen, die nun auf Dorny und Jurowski ruhen. Bei der Vorstellung in München gaben sich beide dennoch unaufgeregt und gelassen. Serge Dorny kann auf seine Erfolge als Leiter der Opéra National de Lyon verweisen. Und mit Vladimir Jurowski hat sich ein GMD gefunden, mit dem Dorny seine Pläne für München umsetzen könnte. Der Russe liebt die Arbeit im Team: „Ich brauche Leute, die mich kennen, die an mich glauben und die mit mir gemeinsam etwas entwickeln können.“ Jurowski ist seit September Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin. Den Posten will er beibehalten, während er das Chefdirigat beim London Philharmonic Orchestra aufgeben wird. Die künftige Linie in München bringt er so auf den Punkt: „Zuerst kommen die weniger bekannten Werke, und dann kommen die Hits.“ dpa

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