Oper Verdi in einzelne Häppchen zerlegt

Stark: Ania Jeruc (Giselda) und León de la Guardia (Avino).
Stark: Ania Jeruc (Giselda) und León de la Guardia (Avino). © Foto: Festspiele Heidenheim
Heidenheim / Manfred Kubiak 25.07.2018

Immer wieder fällt der Vorhang. Und immer wieder erfindet sich dann diese Geschichte wieder neu, sowohl szenisch als auch musikalisch. Giuseppe Verdis „I Lombardi“ bei den Heidenheimer Opernfestspielen: eine immense Herausforderung – und am Ende ein Triumph auf der ganzen Linie.

Es hat ja durchaus seinen Grund, dass Verdis vierte Oper, mit der er seinerzeit nahtlos an den Erfolg des „Nabucco“ anknüpfte, der in Heidenheim noch bis zum 27. Juli ebenfalls auf dem Spielplan steht, heute kaum gespielt wird. Einerseits liegt das daran, dass es sich um eine selbst für Opernverhältnisse eklatant nahezu jedwede Logik entbehrende Geschichte mit den Zutaten Bruderzwist, unglückliche Liebe, verklärende Kreuzritter-Romantik und überreligiöse Hysterie handelt. Auf der anderen Seite weist das Werk auch größere Kongruenzlücken zwischen Musik und Text auf, als dies bei einem frühen Verdi sonst der Fall zu sein pflegt.

In Heidenheim macht man nun aus dieser Not eine Tugend, indem man sowohl szenisch als auch musikalisch danach trachtet, vor allem wesentliche Details wie religiösen Fanatismus, aber auch den in Liebesdingen, oder die Emanzipation einer jungen Frau von den politisch-religiösen Vorstellungen ihres Vaters zu beleuchten. Das große Ganze wird mehr oder weniger scheinbar unkommentiert belassen. Zwischen den Zeilen aber lässt sich – mit der angemessenen humoristischen Schlagseite erzählt, aber nie das Stück als solches desavouierend – herauslesen, was uns aus heutiger Sicht an dieser Story als Unfug erscheinen muss.

Sinnliche Tableaus

Rein optisch entstehen in der Inszenierung von Tobias Heyder darüber hinaus zahlreiche durch häufige Vorhänge voneinander abgetrennte Szenen. Die münden dank großartiger Lichtregie (Hartmut Litzinger) und geschmackvoller Kostüme (Janine Werthmann) inmitten der sonst eher puristisch gehaltenen Ausstattung in geradezu üppigen, ja sinnlichen Tableaus. Sie sind in ihrer Ästhetik auch ganz für sich allein zu genießen.

Hier setzt auch die Interpretation von Festspieldirektor Marcus Bosch an. Der gliedert mit Hilfe der in Bestform angetretenen hauseigenen Cappella Aquileia Verdis Musik ebenfalls gewissermaßen in für sich zu nehmende Szenen und gestaltet diese in erstaunlicher Kongruenz zur Szene dynamisch und rhythmisch mächtig aufregend und detailreich.

Eine Klasse für sich stellt der Philharmonische Chor Brünn dar. Und aus einem homogenen Solistenensemble ragen der mit fundamentaler Tiefe prunkende Bass Pavel Kudinov als sich selber läuternder Vatermörder Pagano und die mit einem insbesondere die dramatische Seite atemberaubend gestaltenden echten Spinto-Sopran aufwartende Polin Ania Jeruc als von Pech in der Liebe und Zweifeln gepeinigter Backfisch Giselda heraus.

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