Ausstellung Verdammt viele Nischen: Schau über „Propaganda“ in München

Bei Beate Engl dröhnt eine Rede aus dem Megaphon.
Bei Beate Engl dröhnt eine Rede aus dem Megaphon. © Foto: Beate Engl betaversion 4.0, 2004 / 2017 Ton, Megaphon-Lautsprecher, transformierte Rede „Der globale Kunstmarkt“ (nach Rosa Luxemburg, Die weltpolitische Lage, 27. Mai 1913, Leipzig-Plagwitz) / Sound, megaphone loudspeakers, transformierte Rede „Der globale Kunstmarkt“ (nach Rosa Luxemburg, Die weltpolitische Lage, 27. Mai 1913, Leipzig-Plagwitz) Maße variabel / Dimensions variable Courtesy der Künstlerin / of the artist © VG Bild-Kunst, Bonn, 2017
München / Lena Grundhuber 24.06.2017

Je weiter man in den Raum vordringt, desto größer scheint er zu werden. Wände unterteilen den ohnehin schlauchartigen Kunstbau unter dem Münchner Lenbachhaus in immer weitere Abschnitte – die Wirklichkeit, so die Botschaft, hat wirklich verdammt viele Facetten.

Um die Realität im engeren Sinne geht es hier aber gar nicht. Denn die Ausstellung „After the fact“ widmet sich ja nur einer bestimmten Art ihrer Repräsentation, der „Propaganda im 21. Jahrhundert“. Eine Zeitangabe, die impliziert, dass nicht in erster Linie die „klassische“ faschistische, stalinistische, überhaupt totalitäre Propaganda verhandelt wird, sondern – tja, genau da beginnt die Verwirrung. Denn wie es sich für das postfaktische Zeitalter gehört, fasst das Thema so gut wie jeder der 25 zeitgenössischen Künstler anders auf.

Hans-Peter Feldmann zeigt seine Sammlung von Zeitungscovern am Tag nach dem 11. September 2011 und visualisiert damit mediale Meinungsbildung. John Miller kommentiert mit einer finsteren Gameshow-Installation die Aporien der Unterhaltungskultur. Beate Engl kapriziert sich auf den Kunstmarkt und lässt eine Rede von Rosa Luxemburg sprechen, wobei die Proletarier zum Künstler und die Kapitalisten zu Galeristen werden. Und wenn wir schon beim Kapitalismus sind, dürfen wir Harun Farocki nicht unerwähnt lassen, der in einem Video die hohlen Phrasen von Unternehmensberatern entlarvt, die verschleiernde Sprache eines „sozialistischen Kapitalismus“.

Im Einzelnen gibt es Arbeiten, die der Propaganda ein Moment von Aufklärung entgegensetzen. So Marge Monko, die eine in Estland ausgestrahlte Polit-Talkshow männlicher Politiker zur Lockerung des Arbeitnehmerschutzes mit Frauen als Sprecherinnen reinszeniert. Im zweiten Teil erzählen sie dann, was der Arbeitsmarkt wirklich mit ihnen macht.

Insgesamt aber verzettelt, verliert sich die Ausstellung in ihren selbst eingerichteten Nischen. Propaganda, so viel bleibt übrig, kann irgendwie alles sein. Echt wahr?

Info „After the fact“ ist im Münchner Kunstbau bis 17. September zu sehen. Di 10-20 Uhr, Mi-So, 10-18 Uhr.