Paris Unvollständige Vollkommenheit

Der nackte Gipsentwurf "Jean de Fiennes", später in Rodins Plastik "Die Bürger von Calais" zu finden.
Der nackte Gipsentwurf "Jean de Fiennes", später in Rodins Plastik "Die Bürger von Calais" zu finden. © Foto: afp
SABINE GLAUBITZ, DPA 10.11.2015
Zum 175. Geburtstag des französischen Bildhauers Auguste Rodin erstrahlt sein Pariser Museum in frischem Glanz. Und wirft ein neues Licht aufs Werk.

Die Rippen unter der Haut sind zu erkennen und die Knorpel der Wirbelsäule, als wäre die junge Frau aus Fleisch und Blut. "Der Kuss" gehört zu den schönsten Skulpturen von Auguste Rodin. Rodin hat ihr durch sein Spiel von Licht und Schatten eine Lebendigkeit verliehen, die ihn zum "Plastiker des Impressionismus" werden ließ. Das Liebespaar aus Marmor steht im Pariser Rodin-Museum, das nach dreijährigen Renovierungsarbeiten pünktlich zum 175. Geburtstag des Bildhauers am Donnerstag wieder ganz öffnet. Für rund 16 Millionen Euro wurde der Stadtpalast Hôtel Biron aus dem 18. Jahrhundert einer Erneuerung im Inneren unterzogen. Sicherheitstechnische Mängel wurden behoben, ein Aufzug für die Werke eingebaut, denn das Museum mit seinen mehr als 6500 Skulpturen gehört zu den großzügigsten Leihgebern in Paris. Vor allem wurde ein Beleuchtungssystem installiert, mit dem Rodin sehr zufrieden gewesen wäre, wie die Leiterin des Museums, Catherine Chevillot, glaubt.

Wie einst der Sohn aus einer konservativen Pariser Beamtenfamilie spielt nun auch das Museum mit Licht. Denn jede Skulptur hat ihre eigene Beleuchtung. Sie wird per Computer gesteuert und ändert sich je nach Tages- und Jahreszeit. "Der Schreitende", "Der Denker", "Der Kuss": Das Hôtel Biron vereint Rodins Meisterwerke und beleuchtet sie auch in einer ganz anderen Weise neu. "Das vollendete Werk war der letzte Schritt eines langen Schöpfungsprozesses, den wir in einer neuen Präsentation besser verdeutlichen wollen", sagt Chevillot. Dazu hat die Kunsthistorikerin Studien und Gipsmodelle aus Rodins Atelier in Meudon kommen lassen.

Aus dem Ort, wo Rodin wohnte, stammt unter anderem der Gipsentwurf "Jean de Fiennes". Fiennes war eine der Standespersonen, die Rodin in seiner monumentalen Plastik "Die Bürger von Calais" abgebildet hat. Auf dem Bronzewerk ist er bekleidet, auf dem Gipsmodell nackt. Rodin wollte erst die Anatomie seiner Modelle verstehen, um sie dann in üppige Drapierungen hüllen zu können.

Rodin hatte 1908 einen Teil des Stadthauses angemietet, um auszustellen und zu arbeiten. Gelebt hatte er in Meudon, wo er auch ein großes Atelier besaß. Am 17. November 1917 starb er dort, sein Atelier ist heute ein Museum.

Noch etwas wird durch die neue Präsentation deutlicher: Rodin hat die Bildhauerei revolutioniert, indem er die Unvollständigkeit zum Stilelement erkor. Eines der schönsten Beispiele ist "Der Schreitende". Der muskulösen Bronzefigur fehlen Kopf und Arme. Sie steht in dem neu gestalteten Museum umgeben von antiken Statuen, denn Rodin interessierte sich leidenschaftlich für die griechische und römische Klassik. Deren Torsi, Statuen, an denen Körperteile fehlen, inspirierten ihn zu fragmentarischen Werken, mit denen er den Weg für die abstrakte Skulptur ebnete. Auf Kritik stellte er die Gegenfrage: "Was braucht man zum Gehen einen Kopf?"