München Unter Kreuzen begraben

JÜRGEN KANOLD 27.12.2013
"Die Macht des Schicksals", wie sie brachialer kaum zuschlagen könnte. Während Martin Kusej an der Bayerischen Oper eher platt inszenierte, sorgten Anja Harteros und Jonas Kaufmann für Begeisterungsstürme.

Der Vater tot, der Geliebte fort, jetzt liegt die Sopranistin völlig verzweifelt auf dem Tisch. "Brava!" rufen die Zuschauer der Guten zu, grammatikalisch korrekt. War ja auch großartig gesungen. Der Tenor verblutet fast auf offener Bühne, erntet dafür aber Ovationen. So ist italienische Oper. Auch in Deutschland: "Die Macht des Schicksals" (La forza del destino) hatte Premiere im Münchner Nationaltheater, ein starkes Finale des Verdi-Jahres. Denn was die Bayerische Staatsoper aufgeboten hatte, war Weltklasse: Anja Harteros als heilige Leonora, Jonas Kaufmann als heißblütiger Alvaro. Und Ludovic Tézier sang sich als Carlo auch die Seele aus dem Leib.

Realistisches Spiel? Der Zuschauer war hingerissen von der emotionalen Musik und den Stars und hätte selbst in Sterbeszenen am liebsten Dacapo gerufen. Was der (mit Buhs) bedachte Regisseur Martin Kusej inszenierte, war auch nicht so fesselnd, als dass man davon abgelenkt gewesen wäre.

Wovon diese Vier-Stunden-Oper handelt, deren Fassung von 1869 zur Aufführung kam? Von Fluch und Vergeltung. Als Alvaro, der nicht standesgemäße Freund Leonoras, ins Haus des ehrenwerten Marchese (ein Mafioso mit Bodyguard) hineinplatzt, kommt es zum Streit. Aus Versehen löst sich ein Schuss aus Alvaros Pistole - und der Marchese ist tot. Ein Unglücksfall, aber das weiß Carlo, der heranwachsende Bruder Leonoras, nicht; er ist von Rache besessen.

Es geht um Liebe, aber es herrscht Krieg in dieser Oper. Versöhnung ausgeschlossen. Und es passieren unglaublich unwahrscheinliche Dinge. Das kommt in Verdi-Libretti häufig vor, aber in diesem Werk ist alles im Titel begründet und damit gerechtfertigt: die Macht des Schicksals. Dagegen hat keiner eine Chance. Trost stiftet höchstens der Glaube. Fast alle gehen ins Kloster, aber dort werden sie von einem Haufen weißer Kreuze begraben - zeigt Bühnenbildner Martin Zehetgruber.

Kusej beginnt die Story bürgerlich: ein sittsames Mittagsmahl vor unheilvoll wehendem Vorhang. Das Kloster, in dem Leonora Zuflucht sucht: ein muffiger Gemeinderaum mit hölzerner Faltwand. In einer Art Swimmingpool badet eine Männersekte das Mädchen zur Ganzkörpertaufe. Die Feldlager- und Kriegsszenen: Mal siehts aus wie in einem zerfetzten Stahlträger-Hochhaus, dann wie in einem Folter-Bunker, dessen Grundriss im 90-Grad-Winkel an die Wand gestellt ist - 9/11 und Abu Ghraib, ein Albtraum. Wenn Zigeunerin Preziosilla (Nadia Krasteva) nuttig das Kriegsleben preist, legt sich das mordende, hurende Volk leichenhaft auf den Boden zum "Rataplan"-Chor. Und Fra Melitones Armenspeisung aus Plastikboxen führt zum Aufstand der Hungernden.

Am Anfang hatte man sich noch gewundert, dass die Staatsoper mit Vitalij Kowaljow einen tollen Bass nur für den Marchese aufbietet, der doch schon im 1. Akt stirbt. Allerdings singt der Russe im selben Kostüm auch den Pater Guardiano, was bedeutet, dass Leonora im Kloster auf den wiedergängerischen Vater trifft, der dann frömmelnd verfolgt, wie seine Tochter stirbt: "Durch ihr Martyrium heilig steigt sie zum Herrn empor." Der reine Hohn. Alvaro geht entsetzt und nicht gerade katholisch geläutert von diesem Schutthaufen aus Kreuzen ab. Frieden gibts in dieser Welt nicht - religiösen sowieso nicht.

Das ist immerhin eine klare Aussage. Kusej inszeniert das ganze Elend mit der Brechstange: grob, platt, das Opernpersonal lässt er auch chargieren. Ein Regieberserker erfüllt den Auftrag. Asher Fisch hatte in der Premiere eine ähnliche Mission: Mit Getöse spielte das Staatsorchester. Im Riesenformat dirigierte der Israeli die berühmte Ouvertüre mit dem von den Streichern hingepeitschten Schicksalsmotiv krachend und pointiert, nur dass dann im Laufe des Abends das Fieber, die Unerbittlichkeit fehlten.

Aber es begeisterte Anja Harteros mit den engelsgleichen Gebeten der Leonora. Und wie der im Forte-Bereich glühend-leidenschaftliche Jonas Kaufmann und der so heldisch-martialische Ludovic Tézier in den Duellen von Alvaro/Carlo auftraten, war pures Verdi-Feuer.

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