Am Ende wollte Stefanie Dathe die Dinger nur noch loswerden, und keiner wollte sie haben. Die Museumsleiterin der Villa Rot in Burgrieden hat bei der Gedenkstätte Auschwitz und beim Van Gogh-Museum in Amsterdam angerufen, weil man dort auf den gleichen Audioguide gesetzt hatte. Vergeblich: "Die will wirklich keiner mehr", sagt Dathe. Der oft beschworene digitale Wandel hat die Museumslandschaft erreicht und herkömmliche Audioguides, für die Museen vor nicht langer Zeit 500 Euro pro Stück bezahlt hatten, faktisch wertlos gemacht.

"Diese klassischen Systeme sind halt wirklich Audioguides", sagt Dathe - mit Betonung auf Audio. Seit zwei Monaten setzt das Kunstmuseum auf eine geräteunabhängige Lösung, die billiger, besser und irgendwie auch schöner sei: Man lässt die Besucher den Guide selbst mitbringen. Die Villa hat die Führung von den Audioguides als responsive Webseite auf die Smartphones und Tablets der Besucher verlagert.

Erdgeschoss, "Duft in der Kunst", Raum 01: In der Mitte des Saals steht ein Apothekerfläschchen in einer Glasvitrine. Auf dem Bildschirm des eigenen Smartphones erscheint hier der Name der Künstlerin Gayil Nalls und ein Kästchen mit der Aufschrift "Audiobeitrag anhören". Eine Frauenstimme erklärt das Konzept der "olfaktorischen Weltkarte". Wischt der Zuhörer mit seinem Finger über den Bildschirm, gelangt er zu einer Kurzbiografie Nalls', einem Videoclip, der die Jahrtausendwende am Times Square zeigt, und einer Werkbeschreibung. Der Besucher entscheidet, wo er wie tief in die Materie vordringen möchte - schließlich nimmt er den Audioguide ja wieder mit nach Hause.

Die Villa Rot ist mit diesem Konzept nicht alleine. "Das ist keine Spielerei, sondern ein Trend", sagt Dathe. "Wir wollen die Entwicklung mitmachen. Wir müssen sie mitmachen, sonst können wir einpacken." Viele Museen setzen inzwischen darauf, die Technik in der Hosentasche des Museumsgängers zu nutzen: Sie programmieren Apps, die sich der Museumsgänger bereits zu Hause oder vor Ort auf das eigene Handy laden kann.

"Die Tendenz ist eindeutig", sagt Dr. Axel Burkhart, Leiter der Landesstelle für Museumsbetreuung in Baden-Württemberg. Burkhart steht in Kontakt zu den Museen im Land und beobachtet, dass die neuen technischen Möglichkeiten auch die inhaltlichen Konzepte der Museumspädagogik vorantreibt. War der Audioguide noch auf Tonaufnahmen beschränkt, lassen sich auf modernen Endgeräten auch Texte, Videos und Bilder darstellen.

"Wir befinden uns am Ende einer etwa zehnjährigen Übergangsphase", sagt Burkhart. Tablets kosten kaum die Hälfte von dem, was man für einen Audioguide bezahlt hatte, Smartphones sind im Alltag aller Altersgruppen verankert, und die Programmierung ist an einem Punkt angelangt, wo mit wenig Aufwand intuitive Oberflächen gebaut werden können. Nun müsse man entscheiden, wie weit man gehen wolle, sagt Burkhart. "Die Niederlande sind bereits weiter als wir." Das Amsterdamer Rijksmuseum etwa stellt auf seiner Webseite hochauflösende Bilder aller Exponate bereit. "Die können Sie sich zu Hause runterladen und dann in Postergröße ausdrucken", sagt Burkhart. In Deutschland bislang undenkbar.

Einen Schritt in diese Richtung ist das Literaturmuseum in Marbach gegangen. Im Juni hat es seinen Audioguide durch eine App ersetzt, die sich Museumsgäste kostenfrei herunterladen können. Besucher ohne eigenes Gerät können vor Ort ein Tablet ausleihen. "Wir haben uns dazu entschieden, weil wir großen Erklärungsbedarf haben", sagt Dietmar Jaegle, stellvertretender Museumsleiter. Die Exponate würden sich nur mit Hintergrundwissen erschließen, weshalb Jaegle keines der 280 Stücke unkommentiert lassen möchte.

In der App ist nun der gesamte Katalog abgebildet, museumspädagogisch aufbereitet und durch Ton- und Filmaufnahmen ergänzt. Der Besucher kann seinen Besuch selbst gestalten und in der App gezielt nach Exponaten bestimmter Autoren suchen. Die alten Audioguides sind nun ebenso wertlos wie die der Villa Rot.

"Der klassische Audioguide ist immer noch die erste Wahl", sagt aber Markus Lauckhardt vom Münchener Audioguide-Hersteller Soundgarden. Die Branche habe schon viele Trends gesehen. Den Palm im Jahr 2006. Den kurzen Vorstoß von Apple. Und jetzt halt die Apps. "Es tut sich sehr viel auf dem Markt", sagt Lauckhardt. Und doch bleibe das Kerngeschäft der klassische Audioguide. "Museen nutzen den Audioguide auch oft als Leitsystem", sagt er. In vielen Schlössern soll der Besucherstrom nicht lange verweilen, sondern geordnet weiterziehen. Dort habe der Audioguide eine andere Funktion als in einem Kunstmuseum wie der Villa Rot.

Die alten Guides ist Dathe übrigens doch losgeworden. Burkhart hat sie an das Schwarzwaldmuseum in Triberg vermittelt. Da wolle man mal was Neues probieren.

Ganzer Katalog in einer App

Literaturmuseum Die App der Marbacher Literaturmuseen enthält alle Informationen, die es auch im Ausstellungskatalog gibt. Wer sich das anschauen möchte, kann die App kostenfrei im Apple-Store oder im Google-Playstore herunterladen.

Villa Rot Der Guide der Villa Rot befindet sich in einem geschützten Bereich der Museums-Homepage. Zugang erhält nur, wer auch ein Ticket zur Ausstellung kauft.