Kulturgeschichte Das Verhältnis von Pferd und Mensch

Der Leiter des Literaturarchivs Marbach, Ulrich Raulff.
Der Leiter des Literaturarchivs Marbach, Ulrich Raulff. © Foto: dpa
Otfried Käppeler 13.01.2018
Über das Verhältnis vom Mensch und Pferd sprach Ulrich Raulff, der Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Ulm.

Schriebe man eine kleine Geschichte des 19. Jahrhunderts, sagte Ulrich Raulff, dann wären dessen wirkliche Protagonisten nicht Bismarck oder Wilhelm I., sondern Held wäre das Pferd. Das war der Fokus seines Vortrags über das Verhältnis von Pferd und Mensch, den der Leiter des Deutschen Literaturarchivs Marbach im Rahmen der Vortragsreihe „Antike – Moderne“ des Philosophischen Salons der Universität Ulm hielt.

 Raulff räumte einige gängige Vorstellungen und Interpretationen beiseite. So seien Fontanes „Effi Briest“ oder Tolstois „Anna Karenina“ keine Liebes-, sondern Pferderomane. Der Körper des Pferdes stehe quasi als erotischer Statthalter dafür, was man damals aus Gründen der Konvention nicht schreiben konnte. Und wer sich die Indianer als das reitende Volk per se vorstellt, ist eh auf dem Holzweg. Als die Spanier nach Amerika kamen, gab es dort keine Pferde, die waren ausgestorben. Wieso, ist nicht klar.

Im großen Bogen gesehen ist Pferdegeschichte Wirtschaftsgeschichte, Militärgeschichte, politische Geschichte, Realgeschichte. Bevor das Pferd marginalisiert wurde, war es untrennbar mit dem Menschen und der Gesellschaft verbunden, ein „kentaurischer Pakt“, wie Raulff sagte.

In London gab es im 19. Jahrhundert 300 000 Pferde, bis zu vierstöckige Ställe hatte man, Brunnen mussten gebaut und um die Stadt Heu, Stroh und Getreide angebaut werden. Nicht zuletzt galten Pferde als die großen Verschmutzer der Städte. Der Stadtverkehr sei damals sowieso gefährlicher gewesen als der heute, sagte Raulff, und enorm gestunken habe es sowieso.

Eine steile These wagte Raulff mit der Behauptung, dass die Domestizierung des Pferdes wichtiger gewesen sei als die Erfindung der Schrift. Wie dem auch sei, mit dem Pferd kam das Tempo in die Geschichte (O. Spengler).

Raulff verstand es glänzend, Einzelheiten mit dem großen Bogen der Geschichte von Mensch und Pferd zu verbinden. Selbst die Industrialisierung, quasi das Ende des Pferds, wäre ohne selbiges zumindest mühsamer vorangeschritten. Denn noch lange war das Pferd wesentlich flexibler als die großen, stationären Maschinen.

Info Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte der Trennung. C.H. Beck Verlag, 461 Seiten, 29.95 Euro.