Theater Angelika Zacek über Sexismus am Theater

Die Künstlerinnen vom Verein „Pro Quote Bühne“ – Vorsitzende Angelika Zacek ist die zweite von rechts.
Die Künstlerinnen vom Verein „Pro Quote Bühne“ – Vorsitzende Angelika Zacek ist die zweite von rechts. © Foto: Uwe Hauth
Lena Grundhuber 12.01.2018
80 Prozent männliche Intendanten, 80 Prozent weibliche Souffleusen – das muss sich ändern, sagt die Vorsitzende von „Pro Quote Bühne“.

Vergangene Woche sind zum ersten Mal seit Beginn der MeToo-Debatte auch konkrete Missbrauchsvorwürfe gegen einen prominenten deutschen Regisseur, Dieter Wedel, laut geworden. Doch die Diskussion über Machtgefälle und Ungerechtigkeit zwischen Frauen und Männern im deutschen Schauspiel nimmt schon seit einiger Zeit Fahrt auf – so hat sich 2017 der Verein „Pro Quote Bühne“ gegründet, der sich für paritätische Besetzung in den Theatern einsetzt. Regisseurin und Vereins­vorsitzende Angelika Zacek erklärt, was sich tun muss.

Sehen Sie eine Struktur am Theater, die Übergriffe begünstigt?

Angelika Zacek: Der Theaterbetrieb ist extrem hierarchisch organisiert, der Intendant vergibt die Jobs, er bestimmt über die Engagements und die Höhe der Gagen, ohne diese offenlegen zu müssen. Da ist die Abhängigkeit sehr groß, und wo soviel Macht im Spiel ist, kann es eben zu Missbrauch kommen. Die einen müssen lernen, Grenzen zu setzen, die anderen müssen aufhören zu glauben, sie könnten sich alles erlauben. Die Arbeit am Theater ist nun einmal sehr persönlich, sehr emotional – man steht mit dem ganzen Körper auf der Bühne. Schon deshalb wäre es wichtig, dass zu 50 Prozent Frauen inszenieren.

„Pro Quote Bühne“ fordert genau diese Quote am Theater. Ist die Benachteiligung denn so eklatant?

Auf jeden Fall! Die Talente sind ja gleich verteilt, an den Unis studieren überdurchschnittlich viele Frauen, doch wenn man die Karriereleiter hochguckt, fragt man sich, wo die Frauen bleiben: 51 Prozent der Regieassistenzen sind weiblich, aber nur noch 22 Prozent der Bühnenleitungen.

Sie zitieren eine Studie des Deutschen Kulturrats, die auf Zahlen von 1994 bis 2014 basiert. Darin kann man in der Tat nachlesen, dass fast 80 Prozent der Intendanzen mit Männern besetzt sind – aber 80 Prozent der Souffleusen sind Frauen. Wie kommt das?

Das liegt auch im Selbstähnlichkeitsprinzip begründet: Männer ziehen gerne Männer nach, das passiert oft ganz unbewusst. Männer schreiben, inszenieren und sie leiten die Häuser – für ein Publikum, das zu 60 Prozent weiblich sein dürfte. Und doch erklären Männer den Frauen die Welt: 75 Prozent des gesprochenen Worts kommt von Männern, sie prägen ein Frauenbild, das traditionell nicht viel mehr Rollen vorsieht als Gretchen, Mutter oder Intrigantin.

Konkret geht es auch um einen Gender Pay Gap. Nach Zahlen der Künstlersozialkasse lag der Einkommensunterschied zwischen freien Künstlerinnen und Künstlern der darstellenden Kunst 2014 bei 28 Prozent.

Frauen werden schlechter bezahlt. Ich kann zum Beispiel von einer Bühnenbildnerin berichten, die mit einem Kollegen liiert war und einen Auftrag von ihm übernehmen wollte: Sie bekam dafür glatt 30 Prozent weniger angeboten. Ich selbst habe Regie an der Ernst-Busch-Hochschule studiert und beobachte, dass die männlichen Kollegen seither sehr viel weiter gekommen sind als die weiblichen. Unter den freien Regissseuren lag der Gender Pay Gap laut Kulturrat 2014 bei 36 Prozent.

Wie kann das sein, in einem Milieu, das sich als aufgeklärt, liberal und emanzipiert versteht?

Das wofür man nach außen steht, wird nach innen nicht gelebt, ein Bewusstsein dafür ist bei vielen Intendanten nicht vorhanden. An den meisten Theatern verdienen Männer mehr. Wenn man nach dem Grund fragt, bekommt man tatsächlich gesagt: „Na, weil es Männer sind.“ Wir fordern deshalb Transparenz und haben jüngst auch die deutschen Intendanten gebeten offenzulegen, wie viel ihres künstlerischen Etats an Frauen geht. Genau zwei Intendanten haben geantwortet.

Oft heißt es, Frauen verhandelten eben nicht gut genug. Ist auch das Teil des Problems?

Wenn ein Mann verhandelt, gilt er als durchsetzungsstark, wenn eine Frau das tut, ist sie unverschämt und zickig. Was bei Männern positiv gewertet wird, wird bei Frauen als anstrengend empfunden. Deshalb ist es so wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen, denn von allein passiert gar nichts. Wir versuchen, Gespräche auf allen Ebenen zu führen: mit der Politik, mit Intendanten, dem Bühnenverein und der Bühnengenossenschaft. Denn es geht um eine strukturelle Veränderung, um flachere Hierarchien und eine paritätische Besetzung innerhalb der Theater.

Mit der Solidarität unter Künstlern ist es oft so eine Sache. Lässt sich in einer Branche von Einzelkämpfern Protest überhaupt organisieren?

Wir haben Rückendeckung, aber natürlich würde ich mir mehr wünschen. Die Konkurrenz untereinander ist so stark, dass es tatsächlich schwierig ist, sich zu solidarisieren. Zumal der künstlerische Bereich in den vergangenen Jahren kaputtgespart und der Verteilungskampf härter wurde. Trotzdem dürfen wir uns nicht ausspielen lassen, wir müssen die Angst verlieren und das Publikum informieren. Denn es wirkt sich auf das Theater aus, wenn es Gleichberechtigung nicht vorlebt. Dabei könnte und müsste diese Institution doch ein Vorreiter sein.

Für mehr Transparenz

Die Regisseurin Angelika Zacek, 46 Jahre alt, studierte Schauspiel und absolvierte dann ein Regie-­Studium an der Ernst-­Busch-Hochschule in Berlin. Seit 2008 ist sie als freie Regisseurin tätig, unter anderem am Staatstheater Cottbus, am Staatstheater Karls­ruhe und am Mainfrankentheater in Würzburg.

Der Verein „Pro Quote Bühne“ fordert eine 50-Prozent-Frauenquote in allen künstlerischen Theaterressorts und die Offenlegung des Etats in Bezug auf Künstler und Künstlerinnen. Außerdem engagiert sich der Verein für die Veränderung der Theaterstrukturen, so dass Frauen auch nach Familiengründung mitgestalten können. www.proquote-buehne.de

Die Studie „Frauen in Kultur und Medien“ steht auf www.kulturrat.de zum Download.