Bayreuth Tristan – Triumph für Thielemann

Stephen Gould und Petra Lang als Tristan und Isolde.
Stephen Gould und Petra Lang als Tristan und Isolde. © Foto: Enrico Nawrath
Bayreuth / OTTO PAUL BURKHARDT 03.08.2016
Düster und trostlos: Katharina Wagners Bayreuther „Tristan“ bleibt eine zähe Sache. Fiebrig-berauscht ist hier nur Christian Thielemanns Musik.

  Hin- und hergerissen reagiert auch das Publikum. Regisseurin Katharina Wagner, jetzt Allein-Regentin auf dem Hügel, zeigt sich nach ihrem wenig nachgebesserten, abstrakten „Tristan“ nur kurz verhuscht im Ensemble – und erntet ein paar saftige Buhs. Christian Thielemann, Musikdirektor der Festspiele, genießt dagegen den tosenden Applaus für seinen vollstoff exuberanten, teils fiebrig wuchernden Stil.

Bei „Tristan und Isolde“ setzt Katharina Wagner aufs reine Psychodrama, jetzt im zweiten Jahr noch kompakter. Die Tragödie der beiden Königskinder, die nicht zueinander finden, spielt sich in Phantasieräumen ab: in einem Treppen-Labyrinth, einem Kerker und einer zappendusteren Todesnacht.

Wieviel Gewalt in dieser Liebe auch mitspielt, zeigen die Umarmungen des Paars, die auch als Würgeszenen durchgehen könnten. Dass der Liebestrank verschüttet statt getrunken wird, dass die bizarren Foltermesser wie Fahrradständer aussehen, dass Isolde Tristans Leiche am Ende umständlich in Sitzposition hochwuchtet, um sich letztmals anzuschmiegen: Schwamm drüber. Neben schiefen Bildern gelingen Katharina Wagner auch faszinierende Szenen. Etwa wenn Tristan und Isolde, Aug’ in Aug’ mit ihren schemenhaften Spiegelbildern, sich in einen Ausnahmezustand hineinsingen („Nacht der Liebe“), bei dem Sinnenrausch und Nahtod-Erfahrung eng beieinander liegen. Toller Moment.

Die Sänger? Stephen Goulds stabiler Tristan kann auch lyrischen Schmelz verströmen. Und Petra Lang legt als Nachfolgerin von Evelyn Herlitzius ihre Isolde weniger heroinenhaft exaltiert an – mit schwebenden, dunklen Kantilenen. Während Brangäne bei Einspringerin Claudia Mahnke stimmlich flackert, überzeugt Georg Zeppenfeld erneut als robuster König Marke. Katharina Wagner verweigert der Isolde auch im zweiten Jahr den erlösenden Liebestod: König Marke reißt sie weg vom toten Tristan – und zurück ins trostlose Leben. Was wirklich nachwirkt, ist die verstörende, betörende Musik, die Christian Thielemann gern „pures Gift“ nennt. Im „Tristan“ fächert er ihr Potenzial geradezu radikal auf: opulent, aber feingliedrig funkelnd – voller Klangzauber, Raserei und rauschhafter Ekstasen.

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