Stuttgart Traurige Clowns in flachem Wasser

Fünf "Jungs" improvisieren sich durch Hesses Erzählung.
Fünf "Jungs" improvisieren sich durch Hesses Erzählung. © Foto: Julian Marbach
Stuttgart / OTTO PAUL BURKHARDT 13.07.2015
Kein Wort Schwäbisch. Und doch ein regionaler Stoff: Das Schauspiel Stuttgart zeigt Hesses "Unterm Rad" als szenisches Drama mit Gespritze.

Die Fluchttür ist zu, das Licht geht aus, jetzt gibt es kein Entrinnen mehr. Zuschauer und Darsteller finden sich in einem schwarzen Kerker aus unüberwindbaren Wänden, die aussehen wie überlebensgroße Schiefertafeln. Ein monströses Lerngefängis. Irgendwo hängt ein Rettungsseil herunter, an dem man sich nach oben in die Freiheit hangeln könnte. Das sieht aber aus wie ein Selbstmörder-Strick. Zudem steht in diesem Schul-Knast knöcheltief das Wasser - als Chiffre für den Bach, in dem der gescheiterte Hans Giebenrath sterben wird, die Hauptfigur in Hermann Hesses Erzählung "Unterm Rad". Aus diesem Horror gibt es kaum Fluchtwege. Nach oben klettern oder im Wasser verenden. Ein treffendes, beklemmendes Bühnenbild, das Michael Köpke entworfen hat.

Doch wie lässt sich Hesses "Unterm Rad" szenisch erzählen? Regisseur Franz Abt kennt die Ambivalenzen der Provinz: Der gebürtige Laupheimer inszeniert heute am Hamburger Thalia und am Deutschen Theater Berlin. Er lässt es spielerisch angehen: Fünf Darsteller improvisieren sich durch die Geschichte, eine hessetypische Kritik am Schul- und Denksystem seiner Zeit. Sie agieren wechselweise als Schüler, Lehrer, Eltern. Nur scheinbar harmlos treten die Jungs als Clowns an, einer schlägt ein Rad, ein anderer spuckt Wasser.

So erzählen und spielen die fünf Darsteller den Text, indem sie Situationen mit viel Impro-Theater-Schwung skizzieren: Prüfung, Elitegeist, Leistungsdruck, Einsamkeit, Freundschaft, Liebe, Ausgrenzung. Und ab und zu klampft dazu einer Gisbert zu Knyphausens Melancholie-Hymne "Herzlichen Glückwunsch, Du hast alles verloren".

Gut, es gibt hier viel juveniles Wassergespritze und auch läppische Phasen. Doch insgesamt ist es ein ehrenwerter Versuch, Hesses Tonfall zu belassen, ihn nicht an heutige Flachheiten zu verraten und doch im Spiel zu modernisieren: So, dass auch Burnout-Kids von heute sich wiedererkennen.

Info Weitere Vorstellungen: 17./18. Juli, 20 Uhr. Restkarten unter Tel. (0711) 20 20 90.

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