Roman Totentanz mit Monsterranken

Luchterhand Literaturverlag
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Ulm / Hans-Dieter Fronz 05.06.2018

Bis vor wenigen Monaten kannte man George Saunders vor allem als meisterhaften Autor von Short Stories, die der amerikanischen Gesellschaft unerbittlich den Spie­gel vorhalten. Ihre Helden sind gesellschaftlich am bröckelnden unteren Rand der amerikanischen Mittelschicht angesiedelt.

Wie kein Zweiter vermag es Saunders, sich in die Nöte dieser Menschen, denen Donald Trump bei der letzten amerikanischen Präsidentschaftswahl viele Stimmen verdankt haben dürfte, hineinzudenken und uns die Zwänge und Aporien ihrer Existenz nahe zu bringen. Saunders Schreiben ist darin Aufklärung im besten Sinne, und sein letzter Erzählungsband („Der 10. Dezember“) war in der Dichte und Realitätsnähe des Erzählten ein großer Wurf. Für dieses Buch wäre der Man Booker Prize nicht zu hoch gegriffen gewesen.

Der Verlust von Willie

Erhalten hat Saunders die wichtigste literarische Auszeichnung im englischsprachigen Raum vor einem halben Jahr für seinen seit langem und mit Spannung erwarteten ersten Roman. „Lincoln im Bardo“ handelt vom Verlust von Willie, Lincolns geliebtem Sohn, der mit elf Jahren an Typhus starb. Die Legende sagt, dass der Präsident am Abend nach der Bestattung heimlich die Grabkapelle besucht hat, um den einbalsamierten Leichnam aus dem Sarg zu heben und ein letztes Mal in den Ar­­men zu halten. Saunders macht aus der Szene einen anderen Totentanz, wenn er die Seelen der Verstorbenen den Präsidenten auf dem Friedhof, für diesen unsichtbar, quicklebendig umschwärmen lässt. Bardo heißt im tibetischen Buddhismus ein Bereich des Übergangs zwischen Leben und Tod.

Darin ist das Buch eine Art Fantasy-Roman, wie man ihn von Saunders am allerwenigsten erwartet hätte: mit mystischen „Materienlichtblüten“, die sich durch einen Feuerknall ankündigen, und diabolischen Monsterranken, die Willies Seele fesseln und verhindern, dass sie mit dem Vater kommuniziert. Was die Geschichte wenigstens ein Stück weit erdet, sind eingeschobene Passagen, in denen Lincoln (reale und fiktive) Zeitgenossen oder Historiker zu Wort kommen lässt, die sich, höchst widersprüchlich, über das Zeitgeschehen auslassen oder die Umstände von Willies Tod und Lincolns Politik kommentieren. So ist das Buch über weite Strecken ein Geschichtsroman fast ohne Geschichte(n) und ein Roman ohne wirklichen Plot. Man zögert, in die Lobeshymnen einzustimmen, nicht jeder Leser dürfte dem Buch ebensoviel abgewinnen wie seine begeisterten Kritiker.

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