Natürlich gehört er zu diesem relativ kleinen Häuflein Großfürsten der deutschen Malerei, die immer wieder gefeiert werden müssen. Und gut zehn Jahre nach dem Tod von Jörg Immendorff darf man schon mal in die Vollen gehen und dem Maler ein imposantes Erinnerungs-Denkmal setzen. Er hat es mehr als verdient. Und dem Münchner Haus der Kunst, das gerade personell und vor allem finanziell in arge Schieflage geraten ist, kommt  es vermutlich sehr gelegen, wenn ein solches Künstlerschwergewicht für ein paar Monate in die bekanntlich aus der NS-Zeit stammenden, einschüchternd  voluminösen und protzigen Ausstellungshallen einzieht.

Einige Kunst-Auguren mutmaßen schon, diese mit 187 Werken bestückte Immendorff-Schau könnte ein richtiger Blockbuster werden. Die besten Vorraussetzungen dafür sind gegeben, denn allein mit des Malers turbulenter Biografie kann man ganze Bibliotheken füllen, und wenn dann noch seine punkige, anarchische, provokante, meist schreiend bunte und mit abertausend Erzählschnipseln aus unserem BRD- und DDR-Alltag gespickte Malerei dazukommt, dann ist kein Halten mehr. Auch Altkanzler Gerhard Schröder ist sich dann nicht zu schade, zur Vernissage nach München zu eilen und seinem Freund Jörg, der ihm schließlich ein Porträt für den Berliner Regierungssitz gefertigt hat, eine angemessene Laudatio zu halten.

Starke Bildfantasien

 Immendorffs Witwe Oda Jaune darf aus dem Nähkästchen plaudern und erzählen, wie Immendorff in seinen letzten Lebensjahren, schwer gezeichnet von der Nervenkrankheit ALS, seinen Mal-Assistenten beigebracht hat, wie sie seine jeden Rahmen sprengenden Bildfantasien am wirkungsvollsten auf die Leinwand übersetzen können.

Immendorff blieb zeitlebens ein politischer Hitzkopf, sein geteiltes Land machte ihm zu schaffen, diese für ihn völlig absurde Grenzziehung zwischen Ost und West trieb ihn permanent um. In den späten 70er Jahren kulminierte sein stets gesellschaftskritisch unterfüttertes Schaffen mit den immer mit Personal total vollgestopften Café-Deutschland- und Café de Flore-Panoramabildern. Diese Cafés sind Irrenanstalten, Tollhäuser, das sind keine gutbürgerlichen, spießbürgerlichen Etablissements, das sind zwielichtige Kneipen und düstere Spelunken, da wird gesoffen und gehurt, da pinkelt eine Hündin in die Ecke, da werden Pornos geschaut, da prügelt sich die Intelligenzia mit DDR-Grenzsoldaten.

Und sie sind alle mit dabei, Max Ernst und Man Ray, Bertolt Brecht und Erich Honecker, Helmut Schmidt und Immendorffs Lehrmeister Joseph Beuys. Auch seine Kollegen Georg Baselitz, A.R.Penck und Markus Lüpertz dürfen nicht fehlen. Es geht hoch her, und Immendorff selber ist immer mittendrin, einmal tänzelt er als Varieté-Clown über die Tische, oder er schwebt als glück­selige Biene Imme über den hochroten Köpfen.

Nach dem Mauerfall 1989 sind genau diese Bilder, in denen ständig die deutsche Teilung und damit auch die mögliche Wiedervereinigung diskutiert und beschworen wird, quasi mit einem historischen Gütesiegel versehen worden, und ihr Schöpfer, der Maler Jörg Immendorff,  wurde fast heiliggesprochen. Alles wurde ihm verziehen, sämtliche politischen Eskapaden, auch seine Ausflüge ins Drogen- und Prostituierten-Milieu.

 Eins ist im Haus der Kunst bei Immendorff jedenfalls garantiert: Bei diesen hochexplosiv angelegten Exponaten wird bestimmt keiner, aus welcher gesellschaftlichen Schicht er auch kommen mag, die Sinnfrage stellen. Er wird auf Anhieb mitkriegen, was die Figuren auf den Bildern treiben. Sollten trotzdem noch Unklarheiten auftreten, dann hängt Immendorff seinen pausbäckigen und übergewichtigen Riesenbabies ein Schild um den Hals, und auf dem steht „hapmi lieb“ oder „Für alle Lieben in der Welt“. Und jeder weiß, was die Botschaft ist.

Sollte man nun noch überlegen, warum Jörg Immendorff ausgerechnet einen malenden Affen zu seinem Alter Ego erkoren hat, dann könnte man die Schlussfolgerung ziehen, dass dieser Künstler sicherlich der Überzeugung gewesen ist, dass zum Bildermachen eine gute Portion natürliche Intelligenz, Schläue, Unbefangenheit und Naivität gehören – Eigenschaften, wie sie unseren nahen Verwandten dankenswerterweise vom lieben Gott im Übermaß mitgegeben wurden.

„Für alle Lieben in der Welt“


Ruhm  Der 1945 geborene und 2007 in Düsseldorf an der Nervenkrankheit ALS gestorbene Jörg Immendorff gehörte seit den 80ern zu den international wichtigsten deutschen Künstlern der Gegenwart.

Ausstellung Die Immendorff-Schau „Für alle Lieben in der Welt“ läuft bis 27. Januar im Haus der Kunst in München; Mo-So 10-20, Do 10-22 Uhr.