Literatur Todesengel auf Höllenfahrt

Die Figur des Josef Mengele beschäftigte auch das Kino: 1978 spielte Gregory Peck in dem Thriller „The Boys from Brazil“ den nach Südamerika geflohenen Nazi-Verbrecher. 
Die Figur des Josef Mengele beschäftigte auch das Kino: 1978 spielte Gregory Peck in dem Thriller „The Boys from Brazil“ den nach Südamerika geflohenen Nazi-Verbrecher.  © Foto: Silver Screen Collection/Getty Images
Georg Leisten 10.09.2018

Am Ende bekommt ihn das Meer. Die Wellen des Atlantiks holen sich den Mann, den weder die alliierten Soldaten, noch der israelische Geheimdienst oder deutsche Staatsanwälte zu fassen bekamen. Josef Mengele, der Lagerarzt, der an der Rampe von Auschwitz Opernarien pfiff, stirbt bei einem gewöhnlichen Badeunfall in Brasilien. Sein halbes Leben lang hat er sich erfolgreich in Südamerika versteckt. Nun ist der französische Autor Olivier Guez der Fährte des Foltermediziners gefolgt.

Kühle Wissenschaftsprosa

„Das Verschwinden des Josef Mengele“ liest sich wie kühle Wissenschaftsprosa, emotional distanziert und schneidend genau beobachtet. So, als wolle Guez Josef Mengele posthum sein eigenes Sektionsprotokoll zu lesen geben. Auf einem Gerüst aus Fakten entsteht das Psychogramm eines Massenmörders, der Zehntausende in die Gaskammern schickte, während er andere bei irrwitzigen genetischen Experimenten umbrachte. Die Augen seiner Opfer pinnte er wie Schmetterlinge an die Wand.

Wo der Holocaust-Organisator Adolf Eichmann ein Bürokrat des Todes war, profilierte sich Mengele als Karrierist einer inhumanen Wissenschaft, der Vererbungslehre. Wahnhaft verfolgt er seine rassenhygienischen Prinzipien auch im Exil. Im Bordell dürfen die einheimischen Prostituierten nichts an seinem Körper berühren außer dem Geschlechtsteil.

Dieser verstörende, packend zu lesende Tatsachenroman ist auch die Geschichte derjenigen, die über Mengele wachen. Südamerikanische Diktatoren, mächtige Nazi-Seilschaften und die Familie im heimischen Günzburg. Dort will man schon deshalb nicht, dass der Todesengel auffliegt, weil ein öffentlicher Prozess schädlich wäre für das im Wirtschaftswunder wieder brummende Geschäft der väterlichen Landmaschinenfabrik.

Erzählt wird schnell, bedrängend, meist im Präsens. Guez will nichts wegrücken aus der Gegenwart, sondern etwas wachhalten. Denn er weiß, was derzeit unter neuen Namen wie AfD zu altem Gedankengut zurückkehrt. Im Epilog heißt es: „Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlöscht die Vernunft.“ So erliegt die Nahaufnahme des Kriegsverbrechers nicht der Faszinationskraft der Literatur für die Monster – im Gegenteil. Die kleinkrämerischen, spießig-pedantischen Seiten Josef Mengeles bestätigen die Thesen der Philosophin Hannah Arendt über die Banalität des Bösen.

Das Buch zerfällt in zwei Teile. Die erste Hälfte spielt in Argentinien, wo sich der Inkognito-Doktor an einer Pharma-Firma beteiligt und ein bequemes Bildungsbürgerleben mit klassischer Musik führt. Ähnlich wie der (fiktive) Protagonist aus Jonathan Littells SS-Epos „Die Wohlgesinnten“ ist auch Mengele gelebter Widerspruch: ein kultivierter Unmensch.

Und dann sind die guten Exiljahre vorbei. Als der faschistenfreundliche Diktator Perón die Macht im Gaucholand verliert, kommen die Einschläge näher. Adolf Eichmann wird vom Mossad entführt, später in Israel gehängt. Mengele muss sich einen anderen Unterschlupf suchen.

Dem argentinischen Wiederaufstieg folgt die brasilianische Höllenfahrt. Ein Angst-Trip unter der Tropensonne. Jedes unbekannte Gesicht, das in Mengeles Umgebung auftaucht, lässt ihn zusammenzucken. Das Farmer-Ehepaar aus Ungarn duldet den als „Onkel Pedro“ ausgegebenen Kostgänger nur, weil dessen Freunde gut zahlen – und auch mal mit der Hand auf die Pistolentasche klopfen, um anzudeuten, dass Südamerikas Nazi-Society notfalls nicht zimperlich ist, wenn es darum geht, ihr berühmtestes Mitglied zu schützen.

Die eigenen Dämonen

Vor seinen eigenen Dämonen aber kann Mengele niemand beschützen. Nachts holen sie ihn ein, die Traumbilder von hohen Schornsteinen, versengtem Fleisch und gewienerten Stiefeln, die im Blut waten. Zum Schluss landet er, der Hygienefetischist, in einem Bungalow mit Kakerlaken und schimmeligen Wänden. Eindringlich schildert Guez die langen letzten Jahre des kranken, gehetzten Tiers und sorgt damit vielleicht doch für eine späte Genugtuung. Seinen Richtern mag Mengele entkommen sein, der Strafe nicht.

Mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet

Autor Der 1974 in Straßburg geborene Olivier Guez beschäftigt sich seit Jahren mit der Materie. Der studierte Politikwissenschaftler hat bereits eine Geschichte des deutschen Judentums nach 1945 verfasst und am Drehbuch von „Der Staat gegen Fritz Bauer“ mitgewirkt. Einem Film über den gleichnamigen deutschen Juristen und Nazijäger, in dem Burghart Klaußner die Hauptrolle spielt.

Buch Für „Das Verschwinden des Josef Mengele“ erhielt Guez im vergangenen Jahr den Prix Théophraste Renaudot (kurz Prix Renaudot), einen der wichtigsten Literaturpreise Frankreichs.

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