Ulm / CLAUDIA REICHERTER Bonaparte ist ein Gesamtkunstwerk. Die Band um Tobias Jundt macht Musik, die Punk, Rock, Techno und Chanson vereint. Die Live-Auftritte bewegen sich zwischen Freak-Show, Vaudeville und Burlesque.
Majestät, Exzellenz, Monsieur Bonaparte, Herr Jundt, Tobias...wie darf ich Sie ansprechen?
TOBIAS JUNDT: Genau so, in dieser Reihenfolge. Meist beginnt es mit „O mein Kaiser, meine Majestät, Durchlaucht“ und endet, wenn wir uns gut verstehen, irgendwann bei „Tobias“. Wenn wir uns nicht gut verstehen, bleibt es allerdings bei „O mein Kaiser, meine Majestät...“

Also, O mein Kaiser, dann werd’ ich gleich mal indiskret: Wie groß sind Sie?
JUNDT: Oh. Indiskretionen am frühen Morgen mag ich normalerweise gar nicht. Hm. Mein Pass sagt 1,63 Meter. Aber ich weiß nicht, ob das unbedingt etwas über meinen Charakter aussagt...

Darauf will ich hinaus. Denn für viele Musikfans und Partygänger in Deutschland und darüber hinaus sind Sie der Größte. Wie erklären Sie sich das?
JUNDT: Das kommt daher, dass ich auf der Bühne aussehe, als ob ich drei Meter groß wäre, außerdem habe ich eine riesige Anlage um mich herum, die alles, was ich mache, auf 100 Dezibel hochbeamt. Das ist die legale Obergrenze in der Schweiz, glaube ich, und wir von Bonaparte sind da immer hart an der Grenze. Oder, um wahrheitsgetreu zu antworten: Ich glaube, das hat mit der Energie zu tun, dass man sagt, scheiß drauf, ich mach’, was ich machen will, und versuche, jeden Abend meine Grenzen auszuloten.

Napoleon war ja auch nicht hochgewachsen. Spielte das bei der Namensgebung Ihrer Musik-, Tanz- und Performance-Gruppe eine Rolle?
JUNDT: Nee. Die Leute denken das immer, aber man denkt ja manchmal viel. Das liegt eher so an der Art, wie ich in der Anfangsphase der Band mit meinem alten Sportwagen herumgefahren bin. Da hatte ich kein Navi oder so’n Zeugs, sondern nur Landkarten und in die hab ich überall, wo ich war, ein Fähnchen reingesteckt. Eine Art Europafeldzug. Als ich für den ersten Berlin-Gig dann einen Namen brauchte, sagte ich den Veranstaltern: Schreibt „Bonaparte“.

Plattenfirma und Musikpresse verpassen der Band gern Etiketten wie „Rave-Blues“, „elektrofizierter Boogie“, irgendwo hab ich was von „Visual Trash“ gelesen. Andere nennen die Musik, die ihr macht, Pop-Punk. Dabei sind die Texte eigentlich für Pop zu sozialkritisch und für Punk zu fein. Sind Bonaparte The Velvet Underground des 21. Jahrhunderts? Oder wie würden Sie das nennen, was Sie da veranstalten?
JUNDT: Äh. Wie würde ich das nennen? Ein riesiges... Also, ich veranstalte gar nichts und überlege nicht. Ich schreibe einfach meine Songs. Wir wären wahrscheinlich viel erfolgreicher, wenn wir den Leuten sagen könnten, wir machen Reggae oder Dub. Bonaparte aber hat kein so klares Soundbild. Das Problem ist, man bekommt ein Etikett verpasst, und dann verpassen es die Leute, auf die Texte zu hören... Ich würde sagen: Es ist eine Mischung aus meinem Songwriting und dieser langweiligen Bühnenshow, es geht bei uns viel mehr um Energie und Lebensgefühl.

A propos "uns". Um mal mit Richard David Precht zu fragen: Wer ist Bonaparte – und wenn ja, wie viele?
JUNDT: Das ändert sich saisonbedingt. Wir sind acht Aktive.

Ach was, es schienen mir immer viel mehr Leute auf der Bühne zu sein...?
JUNDT: Das hängt mit der schizophrenen Natur derer zusammen, die sich während der Auftritte mehrfach unterschiedlich verkleiden. Und manchmal kommen auch noch Freunde dazu. In Amsterdam etwa jemand von Cirque du Soleil.

Kein Wunder liest man immer wieder vom Kollektiv Bonaparte...
JUNDT: Am Anfang war das ein richtiges Kollektiv, jeden Abend waren andere Musiker und Tänzer auf der Bühne. Auch heute noch reisen wir mit 20 Personen samt Tieren und Kindern in zwei Bussen umher. Da gibt es den netten Bus und den verseuchten Bus. Die im verseuchten Bus nennen den aber Feng-Shui-Bus. Sie dürfen jetzt ein Gewinnspiel zu der Frage veranstalten, in welchem Bus ich sitze...

Ich würde viel lieber noch wissen, aus wie vielen Ländern die beteiligten Künstler stammen?
JUNDT: Och, auf der aktuellen Tour sind es gar nicht so viele verschiedene Nationalitäten. Schweiz, Frankreich, Deutschland, Israel, ein polnischer Pass, Mexiko, viel Amerika. Ja, gerade überwiegen Schweiz und Amerika.

Sie touren seit sechs Jahren fast ununterbrochen, verausgaben sich auf der Bühne völlig, und schreiben alle Songs selbst. Woher nehmen Sie die ganze Energie, woher kommt die Inspiration?
JUNDT: Antwort eins, ich habe ganz viele kleine Zwerge zu Hause, die kriegen nur Nahrung, wenn sie mir ganz viele tolle Texte schreiben. Antwort zwei, ich bin irgendwann mal auf den Kopf gefallen, und seither sprudeln ständig Songs aus mir raus. Wenn ich im Studio soundtüftle, mache ich ja noch viel mehr als was auf den Platten drauf ist. Die Frage stellt sich so für mich nicht. Die Frage ist eher, was würde passieren in meinem Leben, wenn ich meine Energie nicht auf diese Weise rauslassen könnte? Es ist ein großes Glück für mich, dass Leute sich dafür interessieren, was aus meinem Spatzenhirn herauskullert.

Zuletzt kullerte da etwa die Single „Quarantine“ raus. Die knüpft direkt an die erfolgreichen Vorgängeralben an. Dazwischen gibt es auf der im August veröffentlichten neuen Platte "Sorry, We're Open" aber auch Unerwartetes wie die Interludes und das ironische „C’est à moi que tu parles?“
JUNDT: Ja, gefällt Ihnen das? Mit Liebe geflucht. Das ist doch schön. Am liebsten mag ich im Moment aber „Mañana forever“ wegen seiner Aufbruchstimmung. Denn mit dieser Platte schließt sich für mich eine Berlin-Trilogie. Ich wollte eine Art Community-Album machen mit anderen Leuten, die auch in Berlin leben und rumwursteln wie Philipp von Deichkind und Sirius Mo aus Mexiko.

Es ist das erste nicht unterwegs, sondern in einem richtigen Studio aufgenommene Album. Aber mögen die Fans nicht gerade das analog-schepprige an Bonaparte?
JUNDT: Klar, ich steh auch total auf LoFi. Das ist ja alles analog in unserem Studio. Wir haben uns diesmal eben so ’nen Ort gebastelt zum Aufnehmen. Das nächste Mal wird es vielleicht wieder ganz anders. Im Februar geht’s los. Da setze ich mich allein in einen Raum, nur ich und mein kleiner Wahnsinn. Aber vorher spielen wir noch in Schweden und Russland.

Hoffentlich nicht in einer Kirche wie die Kolleginnen von Pussy Riot...
JUNDT: Es ist unsere dritte Russland-Tour, aber diesmal ist es schon ein bisschen anders, nach dem, was da passiert ist. Ein komisches Gefühl, in einem Land zu spielen, dessen Regime es verbietet, auf irgendeine Weise etwa Homosexualität zu bewerben. Dabei kann unsere Show ja durchaus als Bewerbung der Freiheit des Ausdrucks auf künstlerischer, menschlicher, aber auch sexueller Ebene gedeutet werden.

Ihre Shows sind so in etwa zwischen einem „The Residents“-Konzert, einer Freak-Show , Vaudeville-Theater und Burlesque angesiedelt. Gab es schon mal Klagen wegen der Freizügigkeit?
JUNDT: Klagen? Nö. Eher würden wir in bestimmten Kulturen wahrscheinlich umgebracht oder verschleppt. Beim Video-Dreh zu „Too Much“ 2009 in Ägypten hat uns die Polizei oft weggeschickt und einmal sogar einen Film verbrannt. Da waren wir ganz schön naiv.

War der Erfolg damals wirklich „too much“? Da haut es doch den despotischsten Despoten vom Thron.
JUNDT: Als Band haben wir den Erfolg erst gar nicht so gespürt. Der kam ja nicht über Nacht. Immer wieder hieß es, das ist alles scheiße, was wir machen, meine Stimme klingt wie die einer gefolterten Ente und die Beats, die knallen ja gar nicht. Dann kamen irgendwann ein paar Leute in den Club, in dem wir spielten. Ein paar Monate später waren 200 Leute mehr da, und beim dritten Mal noch mehr. Das erste Mal, dass ich dachte, boa, das sind jetzt aber wirklich ganz schön viele Leute, war diesen Sommer bei Rock im Park.

Ziehen Sie die großen Festival-Bühnen inzwischen vor? Bei den vielen Akteuren wird es auf mancher Club-Bühne schließlich recht eng.
JUNDT: Nein, die kleinen Clubs sind mir viel lieber. Ich mag es, wenn ich mich vorbeuge und der Atem der ersten Reihe schlägt auf meinen Wangen auf wie der eines Pferds... Aber natürlich sind Massen auch schön. Als ich beim Southside 2012 das erste Mal "Quarantine" gespielt hab, das erst an jenem Tag veröffentlicht worden war, das war schon toll. Und ich wusste, diese vielen Leute waren bei der vorherigen Band noch nicht da...

Wieviel ist an den Shows geplant, wieviel improvisiert?
JUNDT: Meine Standardantwort lautet: Wir werfen eine Münze, wer wann was macht. In Wirklichkeit ist es eine Mischung. Chaos braucht einen Rahmen. Ein Stück weit ist die Show vorgegeben durch meine Setliste. Innerhalb derer gibt es aber schon viele Freiräume. Das hängt von den äußeren Bedingungen ab und davon, welches Kostüm gerade verloren gegangen ist. Manches entwickelt sich erst während der Tour. Wir haben immer viel mehr Kostüme und Requisiten dabei als wir tatsächlich verwenden.

Woher haben Sie die?
JUNDT: Gesammelt, geklaut, gebastelt... Ich zum Beispiel habe eine Jodler-Tracht, einen Seemannsanzug, ich mag Funktionskleidung sehr, das finde ich spannend. Aber am Ende trage ich doch immer mein schwarz-weißes Dings. In Wahrheit bin ich farbenblind. Ich kann nur Schwarz, Weiß und Pink unterscheiden.

Ihr Markenzeichen ist das schwarze Auge, das Sie sich für die Auftritte stets aufmalen...
JUNDT: Jetzt wo Sie das so sagen, fällt mir ein, es gibt ein Fantasy-Spiel, das so heißt: „Das schwarze Auge“. Das haben wir früher auf der Alphütte mit unserem Vater immer gespielt, unten waren die Kühe und oben wir…

Warum tragen Sie das Veilchen manchmal links und manchmal rechts?
JUNDT: Tu ich gar  nicht. Links ist es nur auf Fotos zu sehen, die vor dem Fischereiunfall entstanden sind. Einst trug ich es links, doch dann habe ich in Schweden mein eigenes Auge geangelt. Danach habe ich es mir immer rechts draufgemalt.

Bedeutet die Verkleidung, dass sich dieser Kaiser hinter einer Maskierung verstecken muss, scheint da etwa ein Minderwertigkeitskomplex durch?
JUNDT: Definitiv kein Minderwertigkeitskomplex! Dem Publikum signalisiere ich damit: Heute, hier, jetzt, die nächsten zwei Stunden gelten andere Regeln. Da geht es nicht ums Ego, sondern ums Feiern. Das Spannende an einer Maskierung ist aber ja, dass es nicht nur mit dem Gegenüber etwas macht, sondern auch mit mir. Ich will eigentlich bei den ersten Liedern gar nicht gesehen werden, deshalb zieh ich mir da immer einen Strumpf übern Kopf. Dann dreht sich das irgendwann, da finde ich meinen inneren Voodoo.

Wandelt sich das Publikum in diesen Momenten mit Ihnen vom Denkenden zum Fühlenden?
JUNDT: Erkenntnisgewinn und Luststeigerung sind uns gleich wichtig. Wir sagen: Lass dich fallen und erhebe deinen Geist. Verausgabung, wilder Tanz, animalische Lustgebärden, finde ich alles super.

Deuten so schön anspielungsreiche und wortspielerische Textzeilen wie „ignorance killed the reality star“ und „shoot me today, unshoot me tomorrow“ darauf hin, dass sich die Balance zwischen diesen beiden Polen bei Bonaparte langsam verschiebt?
JUNDT: Wir haben schon immer beides vertreten. Ich bin dagegen, das stets nur aufs Eine oder Andere zu beschränken, aufs Intellektuelle oder Physische.

Sie sangen auch auf früheren Alben schon auf Englisch und Deutsch. Mit „C’est à moi qu’tu parles?“ findet sich erstmals auch ein französisches Stück auf dem Album. Hat die Vielsprachigkeit mit Ihrer Schweizer Herkunft zu tun?
JUNDT: Nicht wirklich. Aber Französisch ist eine Sprache, die mir sehr nahe liegt. Die Sprache der Charmeure. Seit meiner Kindheit bin ich Wahlfranzose. Es gab da einen Vorfall, wo ein Mädchen mir etwas Wunderschönes sagte, das ich nicht verstehen konnte. Da beschloss ich, Französisch zu lernen, damit ich es das nächste Mal verstehe. Jetzt könnte ich es verstehen, aber weiß natürlich nicht mehr, was sie sagte. Vielleicht sagt mir mal wieder jemand etwas Wunderschönes auf Französisch.