Von Christoph Müller

So etwas sah man noch nie in Deutschland: Rein zufällig finden zur selben Zeit in der Berliner Gemäldegalerie und im Frankfurter Städel zwei fulminante Jahrhundert-Ausstellungen kunsthistorisch gleichen Inhalts statt. Die Berliner Ausstellung, die sich ausschließlich mit den beiden Frührenaissance-Meistern Mantegna und Giovanni Bellini und damit dem 15. Jahrhundert befasst, ist praktisch Teil eins. Frankfurt bietet nun die direkte Fortsetzung mit „Tizian und die Renaissance in Venedig“ und damit ein Jahrhundert weiter in der Entfaltung der bis zum heutigen Tag bedeutendsten Kunstepoche in der Geschichte des christlichen Abendlandes.

Beide Ausstellungen sind, großzügig gehängt und einleuchtend thematisch gegliedert, angenehm überschaubar. Also keine buhlend protzenden Blockbuster. In Frankfurt ist die Vielfalt der künstlerischen Handschriften größer – und die Zahl der Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken mit 104 auch um zehn Nummern höher als in Berlin.

Das meiste sind Leihgaben aus den besten Museen der Welt, denn außer Berlin, München, Dresden und Altenburg gibt es keine deutsche Stadt, die über nennenswerte italienische Renaissance-Sammlungen verfügt. Und jetzt unversehens jüngst, quasi als Appetitanreger für die beiden laufenden Großereignisse, allumfassend das ganze Florenz in der Münchner Pinakothek, Tintoretto in Köln und Paris Bordone in Hamburg mit den wichtigsten Venezianern. Mit Pontormo und Bronzino hatte Frankfurt vor drei Jahren bereits die Renaissance-Manieristen mustergültig präsentiert.

Triumph von Licht und Farbe

Bellini, wie passend, war das zu überwindende Vorbild für Tizian. Schon bei ihm ein Triumph von Licht und Farbe, weichgezeichnet und stimmungsschwelgerisch mit der immer mehr aus dem Hintergrund nach vorne drängenden Landschaftsdarstellung. Fast 30 Tizians sind in Frankfurt zu sehen. Noch nie war er, vom realistischen Früh- bis zum sich in avantgardistisch abstrakten Farbklecksen auflösenden Spätwerk, so umfassend und augenöffnend in Deutschland aus nächster Nähe zu studieren.

Tizian verblüfft mit einer raffinierten Maltechnik, die stufenweise eine leuchtend transparente Farbschicht auf die nächste setzt – und immer mit dem teuren Ultramarin-Blau, wie man es sich nur in der internationalen Handelsstadt Venedig besorgen konnte. Mitten in dieses sagenhafte Blau, das hier den Mantel der Gottesmutter bildet, platziert der oft sehr verspielte Tizian ein schneeweißes kuscheliges Kaninchen, das der strampelnde Jesusknabe zu gern streicheln würde.

Belle Donne, also schöne Frauen, lassen freilich auch die um Tizian herum gebetteten anderen venezianischen Maler des 16. Jahrhunderts verführerisch knistern: Jacobo Palma il Vecchios barbusige Schöne. Des hauseigenen Bartolmeo Venetos gedrechselt gelblockige Flora. Sebastino Piombos schräg zur Seite schielende Edeldame in Blau mit einem metallischen Parfümbrenner. Paris Bordones interaktives Frauen-Terzett bei der Toilette und Lorenzo Lottos auf Augenhöhe von ihrer Dienerin angestaunte Judith, die gerade Holofernes den Kopf abgeschlagen hat und sich damit demonstrativ brüstet.

Noble, meist schwarzgewandete Männer-Halbporträts gibt es natürlich auch. Bei ihnen ist die im unteren Viertel des Bildes einfallsreich auskomponierte Handstellung das Besondere. Veronese, Tintoretto, Piombo und vor allem Jacobo Bassano sind die Auffälligsten und merkbar Tizian-Nächsten.

Meist sind es Kriegshelden oder Dogen, Männer-Akte hingegen sind, wie immer bei der Renaissance, in mitleiderregender Gestalt Christus, Märtyrern und anderen Heiligen vorbehalten. Am wuchtigsten gelingt dies Tintoretto mit seinem muskulösen bärtigen Hieronymus: in der rechten Hand den gekreuzigten Christus als handliches Holzkreuz, neben dem obligaten Löwenkopf das linke Bein auf einen Felsbrocken gestützt und auf dem Knie balancierend ein aufgeschlagenes dickes Buch, das, versteht sich, die Bibel ist.

Ausstellung läuft   bis Ende Mai

Die Sonderausstellung „Tizian und die Renaissance in Venedig“ im Frankfurter Städel-Museum läuft bis zum 26. Mai. Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Samstag und Sonntag 10 bis 18 Uhr; Donnerstag und Freitag jeweils 10 bis 21 Uhr; montags geschlossen. Führungen und Online-Tickets unter www.staedelmuseum.de