Lesung Tina Stroheker: Biografie aus Inventarium

Tina Stroheker im Club Orange der vh.
Tina Stroheker im Club Orange der vh. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Otfried Käppeler 09.11.2018

Zum 70. Geburtstag darf man sich etwas gönnen. Die in Ulm geborene und vor allem als Lyrikerin bekannte Tina Stroheker hat ein Buch geschrieben, natürlich mit autobiografischem Charakter. Der Titel „Inventarium – Späte Huldigungen“ geht allerdings etwas auf Distanz, denn allzu „tinchenhaft sollte es dann doch nicht werden“, erklärte die Autorin im Einsteinhaus.

Dafür hat sie zu einem geschickten Kniff gegriffen: Sie schreibt in dem Buch über Gegenstände, die sie schon mehr oder weniger lange begleiten. Das sind ein Handspielbär (Kindheit), der erste BH (Pubertät), aber auch ein gefundener Stein und eine Kuhglocke (Urlaub) und eine Schallplatte (Kultur). Da taucht dann mit Sophie Scholl, der Besserer-Kapelle oder einem Familienfoto immer wieder Ulm auf, wo sie aufgewachsen ist.

Das Biografische entwickelt sich also aus persönlichen Dingen, die längst ein Eigenleben haben – wie der Bär, der vom Regal zu ihr herüberschaut und sie genau kennt. Stroheker verfällt in keine sentimentalen Rückblenden, auch überhöht sie die Dinge nicht poetisch oder gar pathetisch. Sie nähert sich ihnen mit einer Sprache, die man als klare Nähe bezeichnen könnte. Inhaltlich bietet sie ihr viele assoziative Abschweifungen, sie spiegeln en passant erlebte, erlesene und gehörte Kulturgeschichte wieder.

Stroheker ist Lyrikerin, versteht sich also auf die komprimierte Darstellung, auf Auslassungen und Sprünge. Wenn der Handspielbär beschrieben wird, kommt am Ende unvermittelt der Satz: „Die Näherin von Steiff, die muss längst tot sein.“

Der Bogen von der Kindheit bis zum Tod wird so überraschend wie lapidar gespannt. Und wenn der gefundene Stein auf die Feststellung, dass er einer sei, der „mir gefehlt“ hat, antwortet: „Und? Fragte der Stein“, dann könnte das die Frage gewesen sein, die Stroheker ihr neues Buch schreiben ließ.

Tina Stroheker: Inventarium – Späte Huldigungen. Klöpfer & Meyer, 174 Seiten mit Farbfotos von Horst Alexy, 34 Euro.

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