Literatur Tina Stroheker und die Inventur eines Lebens

Eine präzise, sensible Beobachterin: Tina Stroheker.
Eine präzise, sensible Beobachterin: Tina Stroheker. © Foto: Giacinto Carlucci
Eislingen / Markus Zecha 11.06.2018

Sie gehört mit ihrer Lyrik, aber auch Prosatexten zu dem namhaftesten Autorinnen Baden-Württembergs: Tina Stroheker. 1948 in Ulm geboren, lebt sie seit 1983 als freie Schriftstellerin in Eislingen. Ihr neues Buch „Inventarium“ (mit sehr schönen Fotos von Horst Alexy) erscheint bei Klöpfer & Meyer, ihrem Verlag seit 20 Jahren.

Sie stammen aus Ulm und leben in Eislingen. Ist die Provinz für Sie ein Thema?

Tina Stroheker: Anfangs, einige Jahre. Später wurden Sterben und Tod Thema, Aufbrüche als Reisende, etwa nach Rom, USA und Polen, in „Luftpost für eine Stelzengängerin“ die Erfahrung der Liebe zu Frauen, und in meinem neuen Buch versuche ich eine „Inventur“ meines Lebens. Das Thema Provinz meint heute eher: etwas tun für die Literatur in meiner Umgebung.

Zum Beispiel kuratieren Sie literarische Projekte wie den viel beachteten Eislinger Poetenweg. Kann man im Kleinen mehr bewirken als in Großprojekten?

Beides geht. Doch ich mag Überschaubarkeit, Projekte im großen Rahmen liegen mir nicht. Und es hat Freude gemacht, dort, wo vorher, was Literatur betrifft, wenig oder nichts war, was aufzubauen.

Sie haben eine Reihe zweisprachiger Lyriklesungen initiiert. Hat Sie die Neugier getrieben, wie arabische oder finnische Gedichte klingen?

Tatsache ist, auch im kleinen Ort findet „Welt“ statt. In Eislingen leben Menschen aus 60 Nationen. Deren Literatur ist ein Schatz! Wir sollten sie kennenlernen. Und den muttersprachlichen Lesungs-Partnern gibt das Interesse an ihrer Poesie das Gefühl, mehr wahrgenommen zu sein.

Ein Schwerpunkt Ihres Werks sind die Beziehungen zu Polen und Tschechien, obwohl Sie familiär mit Osteuropa nichts zu tun haben. Wie kam es dazu?

Interesse an den Nachbarn. Und Zufälle, etwa, dass eine Freundin 1990 Lehrerin in Polen wurde. Ein Schüleraustausch entstand, dann reiste ich mit einem Stipendium ins Land, viele Aufenthalte folgten. Meine „Einstiegsdroge“ war die wunderbare polnische Lyrik; ähnlich ging es mir mit der tschechischen.

Sie haben sich intensiv mit dem sudetendeutschen Autor Josef Mühlberger beschäftigt, der zum weiteren  Prager Kreis gezählt wird, 1946 die Tschechoslowakei verlassen musste und nach Württemberg emigrierte. Was fasziniert Sie an ihm?

Vor allem seine gebrochene Existenz. Ich fragte mich: Wie lebt einer, der als Vertriebener kam und nie ganz dazugehört? Als Intellektueller in einer Umgebung, die ihm wenig bietet? Als strafrechtlich bedrohter Schwuler in einer heteronormativen Gesellschaft?

Homosexualität war Thema der von Ihnen organisierten Eislinger Mühlberger-Tage 2007. Heute ist die Gesellschaft offener. Lohnt sich dennoch ein genauerer Blick?

Weltweit liegt, was Offenheit gegenüber sexuellen Minderheiten betrifft, weiterhin viel im Argen. Und das Bewusstsein für eine Minderheit sensibilisiert den Blick auf andere. Der Umgang mit ihren Minderheiten sagt viel aus über eine Gesellschaft.

Mühlberger war Freund von Max Brod, wurde gelobt von Hesse, Sie haben ihm eines der„Spuren“-Hefte des Literaturarchivs Marbach gewidmet – trotzdem teilte er das Los vieler Literaten: Er wurde weitgehend vergessen.

Nicht ganz. Und die Erfahrung zeigt, dass es Hochs und Tiefs gibt beim Interesse an Autoren. Bleiben wird die Erzählung „Die Knaben und der Fluss“! Und im Nachlass wartet noch etwas.

Ihr neues Buch „Inventarium“ trägt den Untertitel „Späte Huldigungen“. Wem oder was huldigen Sie in diesen kurzen, dichten Prosatexten?

Den Dingen in meiner Umgebung, ihrer Leistung im Alltag und dem, was sie mir selber bedeuten. Mit ihnen verbinden sich Gefühle, Erinnerungen. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man sich vornimmt zu reduzieren. Gleichzeitig sind wir von so vielen Dingen umgeben wie nie, haben die Häuser unserer Eltern geräumt . . .

Man träumt vom leichten Gepäck, und die Koffer werden immer schwerer?

Vielleicht, eine Weile noch. Jedenfalls wollte ich wichtige Gegenstände aus Schubfächern und Regalen holen, über sie nachdenken und schreiben.

Ihr Buch kann man auch als eine Bilanz Ihres Lebens, als Hinwendung nach innen lesen. Oder ist es gar eine Schlussbilanz?

Immer langsam. Ich habe zwar keine Walsersche Unruhe in mir, jedes Jahr Neues zu publizieren, aber an einiges denke ich schon noch.

Zum Beispiel?

Dazu möchte ich jetzt nichts sagen. Aber es sind eher keine Projekte, bei denen es mich zerreißen würde, wenn ich sie nicht abschließen könnte.

Vielfach ausgezeichnet

Biografie 1948 in Ulm geboren, studierte Tina Stroheker in München Germanistik, Geschichte und Politische Wissenschaften. Von 1973 bis 1983 war sie Gymnasiallehrerin in Göppingen und Schwäbisch Gmünd, seit 1983 lebt sie als freie Schriftstellerin in Eislingen. Sie erhielt u.a. 1986 das Stipendium Villa Massimo in Rom, 1992 den Literaturpreis der Stadt Stuttgart, 1995 ein Schriftsteller-Stipendium der Robert Bosch Stiftung für Polen, 2003 den Josef-Mühlberger-Preis und 2017 den Andreas-Gryphius-Preis.

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