Open Air Tanzend im Regen

Perfekt: Helene Fischer.
Perfekt: Helene Fischer. © Foto: Udo Eberl
Stuttgart / Udo Eberl 24.07.2018

Die gerührte Helene, tränenüberströmt im Regen: gefühlsintensiv vom eigenen Herzbeben berührt, gefeiert von 45 000 Fans, viele davon klatschnass oder notdürftig eingetütet, dennoch strahlend und ergriffen. Helene Fischer, die Sängerin aus und für die Mitte, das fast nur strahlende Gesicht des Mainstreams in Reinkultur, das Sinnbild für Perfektion in nahezu jeder Beziehung beim großen Finale nach 13 Stadion-Konzerten in der ausverkauften Mercedes-Benz-Arena wurde vom Wetter überrascht, war aber glücklich und dankbar. „Ich habe endlich wieder meinen Moment im Regen. Das schweißt uns zusammen“, ruft sie ihrem Publikum nach der Klatschparade bei „Und morgen früh küsst du mich wach“ zu und verheddert sich tatsächlich in ihrer Ansage.

Vielleicht liegt’s an ihrem Bezug zum Wasser, an dem sie so nah gebaut ist. Ach, die Tränen, so viele Tränen an diesem Abend der großen Emotionen in der deutlich mehr als zwei Stunden lang gelebten Schlager-Gigantomanie.

Eine Show im Weltstar-Format – nicht weniger erwarten die Fans, auch wenn Helene Fischer nur in deutschsprachigen Ländern ein Star ist. Sie bekommen sie – voll und ganz. Mit deutlich weniger „Cirque du Soleil“-Zauber und rockigen Gitarrensoli, dafür aber in einem „Ganz nah“-Konzert – so viel wie eben in einem riesigen Stadion möglich ist. Sie legt mit Konfetti-Regen los. Top in Form, beneidenswert agil und meist in einer Choreografie mit ihrer Tänzerschar, die jedem italienischen Fernsehballett zur Ehre gereichte.

Im Auto durchs Stadion

Vorne auf dem pfeilartigen Laufsteg oder an den Seiten vor den gewaltigen LED-Wänden zu singen, reicht ihr noch lange nicht. Das Fahrzeug eines ihrer Sponsoren wird zum Fischer-Mobil, mit dem das Stadion singend mit einem Medley im Song-Gepäck durchfährt. Für die Fans ist’s, als wären sie „Mitten im Paradies“.

Doch es geht noch ergreifender und „Von hier bis unendlich“, wenn die 33-Jährige zwischen all den Kleiderwechseln, Videosequenzen im Werbejingle-Format und jenseits aller Pop-Kirmes ihre von Hollywood-Klischees geprägten Hüllen fallen lässt oder zumindest echt wirkt. Es sind nicht die tausende gelber Luftballons der Fans, der Smart phone-Lichtervorhang in den Stadionrängen oder der gewaltige Chor, der nahezu jede Textzeile mitsingt. Der Regen zeigt Wirkung, überwältigt die Frau, die sich in Videos so gerne überlebensgroß als Mix aus Model, Amazone und Objekt diverser Begierden inszeniert und vom Vorprogramm- und Duett-Sänger Ben Zucker nicht umsonst mit „unsere Chefin“ angekündigt wird. Helene Fischer ist Siri, Lara, Arielle, bezaubernde Jeannie, einfach Traumfrau – und singen kann sie auch noch.

Wobei: Das zeigt sie an diesem Abend gar nicht so sehr. Die Celine gibt sie nicht, dafür die Einpeitscherin für eine Mega-Party. Mit 300 über die Autobahn, aber statt in zerrissenen Jeans ganz ohne Beinkleid in Lametta- und Glitzerkleidern oder als Femme fatale ganz in Rot. Auch nass macht sie eine gute Figur, die Schminke eines weiteren Sponsors hält. Helene ist wasserdicht, die Musiker sind auch nicht wasserscheu, die Bewegung auf der Bühne wird zur gefeierten Reizüberflutung, das Liveerlebnis zum Feiertag der leichten Muse und zum Kindergeburtstag für Erwachsene.

Vor dem gewaltigen H wirkt Helene lebensgroß fast noch größer. Hauteng und körperbetont legt sie sich in „Verdammt, ich lieb dich“ auf die Bühne, im hinteren Teil der Arena lebt sie die „Freiheit“ und gesteht: „Das ist kein Job mehr, sondern pure Leidenschaft.“ Auch tanzend im Regen mitten durchs Publikum.

„Schwerelos. Grenzenlos. Atemlos.“ Ein Countdown für die absolute Ekstase mit Frau Fischer am umgehängten Hängekeyboard, und später noch als glänzende Perle in der Muschel. „Herzbeben“, „Mit keinem Andern“, in den Zugaben noch „Nur mit Dir“ und die finale „Achterbahn“; mehr geht nicht.

Superlative sind die Norm

Beispiellos Helene Fischers Stadion-Tournee mit insgesamt 14 Terminen in Deutschland, Österreich und der Schweiz erlebten mehr als 540 000 Fans. Das Konzert in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena war mit 45 000 Fans ausverkauft, obgleich bei den so genannten „Helene-Fischer-Festspielen“ Anfang des Jahres fünf ausverkaufte Konzerte in Folge in der Schleyerhalle für einen Besucherrekord gesorgt hatten. 2017 war das nach ihr benannte Album „Helene Fischer“ das meistverkaufte Album in Deutschland, und keine deutsche Sängerin stand länger an der Spitze der Albumcharts: insgesamt 26 Wochen. udo

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