Ausstellung Szapocznikows menschliche Landschaften

Münder, die aus dem Kopf kommen in der Kunsthalle Baden-Baden: Alina Szapocznikow schreddert den menschlichen Körper und setzt ihn nach Gutdünken wieder zusammen.
Münder, die aus dem Kopf kommen in der Kunsthalle Baden-Baden: Alina Szapocznikow schreddert den menschlichen Körper und setzt ihn nach Gutdünken wieder zusammen. © Foto: Gerda Meier-Grolman 
Baden-Baden / Burkhard Meier-Grolman 11.08.2018

Was passiert, wenn eine polnische Bildhauerin schon als ganz junges jüdisches Mädchen in stacheldraht­umzäunten Konzentrationslagern der Nazis gepeinigt wird? Wenn sie später in Prag und Paris Kunst studiert und dort im Dunstkreis von René Magritte, Max Ernst und Salvador Dalí surrealistische Morgenluft wittert? Wenn sie nach ihrer Rückkehr nach Polen noch zusätzlich mit dem Geist des Sozialistischen Realismus geimpft wird? Und wenn sie dann Ende der 60er Jahre mit der Diagnose Brustkrebs leben muss?

Bei Alina Szapocznikow (1926-1973) lassen sich diese autobiografisch bedingten Schleifspuren auf nahezu all ihren künstlerischen Arbeiten entdecken. Wenn sie selbst sagt, dass sie aus einer absurden und zwanghaften Manie heraus seltsame Objekte produziert, die immer mit der Bestätigung unserer menschlichen Existenz zu tun haben, dann kann man ihr nur beipflichten.

Immer im figurativen Bereich

Jetzt ist Alina Szapocznikow, die mit einzelnen Arbeiten auf der Documenta 12 und 14 in Kassel vertreten war, eine erste umfassende Werkschau hierzulande in der Kunsthalle Baden-Baden gewidmet. Zugegeben, diese Skulpturen sind gewöhnungsbedürftig. Gut, diese Bildhauerin bleibt immer im figurativen Bereich, einige Bronzen erinnern an Henry Moore und die wie ein Hilferuf in den Himmel stoßende geöffnete Hand, die sie 1957 als Denkmal den Helden des Warschauer Ghettos zugedacht hat, steht quasi als Markenzeichen für die traditionell geprägte Bildhauerkunst des frühen 20. Jahrhunderts.

Aber sobald Alina Szapocznikow anfängt, den menschlichen Körper zu schreddern, vor allem wenn sie den Frauenkorpus in Einzelteile – sprich in Mund, Ohren, Busen, Beine und Bauch – zerlegt und diese Fragmente dann mittels Polyesterharz, Mullbinden, Damenstrumpfhosen sowie Wolle zu wirklich seltsamen Objekten wie etwa einem „personifizierten Tumor“ oder anderen besonderen „Souvenirs“ collagiert, dann schrillen an unseren Geschmacksnerven die Alarmglocken.

Es sei denn, man kann sich an in Vasenform gebrannten und mit Blumen geschmückten Terrakotta-Gesichtern erfreuen oder man erwärmt sich für einen mit Zigarettenkippen gefüllten halben Frauenkopf, dem Alina Szapocznikow den zutreffenden Titel „Aschenbecher des Junggesellen“ gegeben hat.

Geniale Titel

Überhaupt hat Alina Szapocznikow angesichts ihres eigenen künstlerischen Werks geniale Eingebungen, was die Titelfindung anbelangt. So präsentiert sie in Baden-Baden einen Zeichnungs-Zyklus mit der Überschrift „Menschliche Landschaften“. Diese Werkschau in Baden-Baden beinhaltet tatsächlich zum Großteil menschliche Landschaften, abgesehen vielleicht von diesem „amerikanischen Traum“, dem Alina Szapocznikow nachgehangen, und den sie 1971 in rosafarbenem portugiesischen Marmor, Gold und Bronze nachgebildet und verewigt hat. Es handelt sich dabei um eine schöne kleine Ausgabe eines wirklich edlen Rolls-Royce-Cabrios – versteht sich – mit der berühmten und hier stark vergoldeten Engelsfigur auf dem Kühler.

Erste Werkschau in Deutschland

Ausstellung „Alina Szapocznikow – Menschliche Landschaften“ bis 7. Oktober in der Kunsthalle Baden-Baden.  Geöffnet: Di-So 10-18 Uhr. Weitere Infos:  www.kunsthalle-baden-baden.de

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