Kulturgeschichte Stephen Greenblatt spürt Adam und Eva nach

Paradies / Georg Leisten 07.06.2018

Sie heißen Lanjo und Leona. Und was sie tun, dürfte dem Wesen, das über sie wacht, nicht gefallen: Sie haben Sex. Stephen Greenblatt hat hunderte Regalmeter in den Bibliotheken der Welt durchforscht, um die wirkmächtigste Erzählung der Menschheit zu ergründen: die Geschichte von Adam und Eva, die wegen eines Apfels das Paradies verloren haben. Der Harvard-Professor brütete über den Mythen des alten Orients und den Schriften des Judentums, er studierte die Kirchenväter der Spätantike und die Gelehrten der Neuzeit. Erst in den Urwäldern von Uganda begriff er, worauf das Schöpfungskapitel der Bibel hinaus will. Auf den Schritt in die Freiheit. Wie ihn auch Lanjo und Leona, die beiden Schimpansen riskieren, wenn sie sich gegen den Willen des Alphatiers ihrer Gruppe paaren. Offenbar ist die Lust auf verbotene Früchte älter als wir selbst, sie ist ein Gesetz des Lebendigen.

Von sich reden machte der Literaturwissenschaftler, Autor und Pulitzer-Preisträger Greenblatt Anfang der 80er Jahre mit einer Shakespeare-Monografie, die auch Erkenntnisse aus Wirtschafts- und Sozialgeschichte verarbeitete. Wenn sein neuestes Buch nun Adam und Eva durch die Jahrtausende folgt, schlägt er abermals einen Bogen zwischen den Disziplinen. Theologie wird mit Kunst und Literatur, aber auch mit Darwins Evolutionslehre kurzgeschlossen.

Zwar datieren Forscher die Entstehung der Genesis auf das sechste vorchristliche Jahrhundert, der Stoff selbst allerdings ist älter und wandelt griechische und besonders orientalische Sagen ab, wie sie dem Volk Israel seit seiner babylonischen Gefangenschaft vertraut waren. So entstand die Genesis als Collage aus mehreren Mythen, ob paradiesische All-inclusive-Sorglosigkeit oder Menschwerdung aus Lehm und Rippe. Dass so genannte Kreationisten das zusammengebastelte Evolutionsmärchen heute wieder für bare Münzen nehmen, erscheint vor diesem Hintergrund noch ein wenig hirnloser.

Von Grund auf verdorben

Zum Fundament einer einflussreichen Glaubenslehre wurden die zwei biblischen Nackedeis bei Augustinus. Er bringt Evas Kernobstklau mit einem Erlebnis zusammen, das er in seinen autobiografischen „Bekenntnissen“ schildert. In den Thermen seiner Heimat Thagaste hatte er als 16-Jäh­riger eine unwillkürliche Erektion. Da begriff er: Dem Menschen ist die Kontrolle über sein Fleisch entglitten, weil Adams Frau ihren Appetit auf Äpfel nicht zügeln konnte. Aus dieser Verknüpfung resultieren der theologische Masochismus der Erbsünde und die sexuelle Verklemmung der Kirche. Wir sind von Grund auf verdorben, bestrafenswert.

Eine ganz andere Deutung entwarf John Milton mit seinem epischen Langgedicht „Paradise Lost“. Darin feiert der englische Dichter das Sündenfall-Kapitel als Urgeschichte der Autonomie.

Man liest all das mit großem Gewinn, obwohl der Band an neuen Forschungsleistungen vergleichsweise arm ist. Greenblatt bietet eine klug recherchierte Zusammenschau unterschiedlicher Ansätze. Hierbei kommt ihm sein Talent entgegen, komplexe Sachverhalte laienfreundlich aufzubereiten und in anschaulichen Beispielerzählungen zu verdichten.

So leistet er eine ganze Menge, denn er vermag zu erklären, weshalb die kurze Episode aus der Genesis einen derart langen Schatten durch die Kulturgeschichte wirft, immer wieder literarisch ausgestaltet wurde, Künstler wie Dürer oder Michelangelo zur Illustration reizte und auch dem weniger Bibelfesten vertraut ist. Im Bild vom Paradies, resümiert Greenblatt, werde „ein Sehnen danach spürbar, andere zu sein als die, zu denen wir geworden sind“.