Ausstellung Stehende, Kniende und Gestürzte

Jetzt im Besitz der Stuttgarter Staatsgalerie: Wilhelm Lehmbrucks „Der Gestürzte“, 1915 entstanden.
Jetzt im Besitz der Stuttgarter Staatsgalerie: Wilhelm Lehmbrucks „Der Gestürzte“, 1915 entstanden. © Foto: Gerda Meier-Grolman
Stuttgart / Von Burkhard Meier-Grolman 28.09.2018

Überraschung, Überraschung: Kurz vor seinem Tod am 23. Januar 1986, in seiner letzten öffentlichen Rede anlässlich des ihm verliehenen Lehmbruck-Preises der Stadt Duisburg, erklärte der große Kunstbeweger Joseph Beuys, genau dieser Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) habe ihn dazu angestiftet, sich in seinem künstlerischen Tun ganz auf die Plastik beziehungsweise auf die Skulptur zu konzentrieren.

Zugegeben, Beuys ist schon immer Sonderwege gegangen. Aber es ist schon erstaunlich, dass ihm allein der Anblick einer Lehmbruck-Skulptur in einem zerfledderten Ausstellungskatalog genügte, um sich anschließend gleich mit Feuereifer auf die Bildhauerei zu werfen. Nicht Jean Arp, nicht Pablo Picasso, nicht Alberto Giacometti und nicht einmal der nun wirklich ausdrucksmächtige Auguste Rodin haben es geschafft, diesen Joseph Beuys auf die Kunstschiene zu bringen. Und deshalb muss man fragen, was diesen Wilhelm Lehmbruck ausmacht, um solches zu bewirken.

Wo sind die expressiven Gesten?

Joseph Beuys hat eben die Besonderheiten des Lehmbruck’schen Werkes erkannt. Gut, die Kunsthistoriker haben sich ausgerechnet, dass man diesen Skulpteur am einfachsten unter dem umfassenden Rubrum Expressionismus ablegen kann, wobei man ihm noch starke Einflüsse des Naturalismus und auch die der Abstraktion zubilligt.

Aber wo bitteschön finden wir bei Lehmbruck die unter die Haut gehenden expressiven Gesten? Lehmbrucks Figuren anzuschauen, das heißt (ob nun bei den unterschiedlichsten Materialien wie beispielsweise Stuck, Gips, Terrakotta, Steinguss, Zementguss oder gar bei der Bronze),  überall sind feine, sensible, glattgebügelte und polierte Oberflächen zu entdecken, sanfte und abgerundete Formen. Auch stark zurückgenommene Bewegungen sind vorherrschend.

Die Stuttgarter Staatsgalerie präsentiert nun neben zahlreichen  Entwurfsskizzen und Radierungen  33 kleinere und größere Lehmbruck-Skupturen, und bei allen –  ob nun bei den Torsi und Büsten, bei den Stehenden, Knienden oder Gestürzten – fällt es unglaublich schwer, Spuren von ausgesprochen klar definierter Expression auszumachen.  Joseph Beuys hat das schon richtig gesehen, das Lehmbruck’sche Werk ist visuell gar nicht so richtig anzugehen, da müssen andere Sinne aktiviert werden, um die unglaublich intensive Ausstrahlung und Wirkung dieser Plastiken zu erfassen.

Bei Lehmbrucks Skulpturen sind beim ersten Eindruck aber schon einige bestimmende Merkmale zu finden, etwa eine Art von Geschlossenheit, um nicht zu sagen eine Art von Abgeschlossenheit, Gelassenheit auch, dazu eine auffällige Selbstbezogenheit, aber auch Anmut, ja Würde und zugleich auch eine unendliche Melancholie und eine größere Portion von Wehmut. Ebenso kann man einen Anflug von großer Verlorenheit und Trauer wahrnehmen. Die wirklichen expressionistischen Auswüchse und emotionalen Schübe aber scheinen sich gänzlich nach innen gestülpt zu haben, es brodelt sozusagen mächtig unter einer hauchzarten und nahezu völlig ruhig gestellten Oberfläche.

Trotz dieser relativ unproblematischen äußeren Erscheinungsform haben Lehmbrucks Plastiken speziell den Unwillen der Nationalsozialisten auf sich gezogen. Die wohl bekannteste Skulptur, die 1911 entstandene „Kniende, überlebensgroß“, die erstmals im Pariser Grand Palais im Salon d’Automne zu sehen war und die später nicht hierzulande, sondern vor allem in den USA großen Eindruck machte, war 1937 unter den Exponaten der berüchtigten „Entartete Kunst“-Ausstellung in München. Die Bedeutung der künstlerischen Position von Wilhelm Lehmbruck  wurde einer breiten Öffentlichkeit erst wieder voll bewusst, als Arnold Bode Lehmbrucks Skulpturen 1955 auf der documenta I in Kassel als unverzichtbare Eckpfeiler der deutschen Bildhauerkunst des 20. Jahrhunderts präsentierte.

Glanzstücke des Ankaufs

Ankauf Warum diese große Lehmbruck-Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart? Weil sich die Museumsstiftung Baden-Württemberg mit der Kulturstiftung der Länder und der Siemens-Kunststiftung verabredet haben, mit der Lehmbruck-Familie zu verhandeln, um insgesamt drei Plastiken, 69 Druckgrafiken und Zeichnungen für knapp vier Millionen Euro für die Staatsgalerie zu erwerben. Lehmbrucks Familie hatte nach dem Tod des Bildhauers 1919 ihren Lebensmittelpunkt nach Stuttgart verlegt und die Staatsgalerie zeigte 1949 die erste große Retrospektive mit Lehmbrucks Skulpturen. Glanzstücke dieses jüngsten Ankaufs sind natürlich „Die große Sinnende“ und „Der Gestürzte“, zwei kapitale Hauptwerke des Künstlers, die schon vor Jahrzehnten als Dauerleihgaben in der Staatsgalerie eine Heimstatt gefunden hatten. Und so steht jetzt auch die gründlich restaurierte „Große Sinnende“ im Mittelpunkt  der Ausstellung „Wilhelm Lehmbruck. Variation und Vollendung“. bmg

Die Ausstellung „Wilhelm Lehmbruck – Variation und Vollendung“ läuft bis 24. Februar, Di-So 10-18, Do bis 20 Uhr.

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