Staatstheater Staatstheater: Riesen-Aufbruch

Das Intendanten-Quartett (von links): Tamas Detrich (Ballett), Burkhard C. Kosminski (Schauspiel), Marc-Oliver Hendriks (Geschäftsführung) und Viktor Schoner (Oper).
Das Intendanten-Quartett (von links): Tamas Detrich (Ballett), Burkhard C. Kosminski (Schauspiel), Marc-Oliver Hendriks (Geschäftsführung) und Viktor Schoner (Oper). © Foto: Bernd Weissbrod
Stuttgart / Jürgen Kanold 09.06.2018

So viel Neufang war noch nie, in allen drei Sparten der Württembergischen Staatstheater beginnen in der kommenden Saison 2018/2019 gleichzeitig neue Intendanten – nur Marc-Oliver Hendriks (47), der Geschäftsführende Intendant, sorgt in Stuttgart für Kontinuität, auch beim Management eines alten Problems mit vielen offenen Fragen, der Sanierung des Opernhauses.

Aber das sollte gestern Morgen im Probengebäude kein Thema sein. Auf der zweistündigen Pressekonferenz des größten Drei-­Sparten-Hauses der Welt, das schon seit 1992 kein Generalintendant mehr regiert, präsentierten sich die gleichberechtigten Spartenchefs.  Ein unfassbar reichhaltiges Programm, ein entsprechender Präsentations-Marathon  – da setzte sich Cornelius Meister, der künftige Generalmusikdirektor, einfach mal an den Flügel und haute Chopins Etüde op. 10,5 in die Tasten, bevor er über die Kammerkonzerte sprach.

Es wird in der kommenden Spielzeit in Stuttgart sehr viel gefragt werden. Der neue Opernintendant Viktor Schoner (43) etwa setzt den „Lohengrin“ aufs Programm, Richards Wagners Werk übers Frageverbot, das der aus München kommende Mortier-­Zögling aber zum Anlass nehmen möchte, 2018/2019 „philosophische, naive, persönliche“ Fragen zu stellen, um die komplexe Gegenwart zu erforschen.

„Warum denn nicht warum“ (ohne Fragezeichen) lautet wiederum das Motto des künftigen Schauspielchefs Burkhard C. Kosminski (56), derzeit noch Mannheim, und dieser versteht sein Haus als Bestandteil der Stuttgarter Stadtgesellschaft, als „Plattform für Fragen und konstruktiven Dialog“. Das besagte Motto bringe das spielerisch zum Ausdruck: „als Frage ohne Frage und Frage hinter der Frage“.

„Bleibt alles anders?“ steht schön nüchtern rätselhaft auf dem silbernen Spielzeitheft der Staatstheater, aber gestern gab’s einige Antworten – bezüglich der Spielpläne. Opern-Chef Schoner hatte seine Premieren zwar schon vor Pfingsten benannt, stellte aber noch das Projekt „JOiN“ vor. Die Junge Oper unter der künstlerischen Leitung von Elena Tzavara bezieht künftig im „Nord“ am Löwentor eine eigene Spielstätte. Sie heißt jetzt entsprechend „Junge Oper im Nord“ und versteht sich als Schnittstelle  „aller Altersstufen und Künste“ auch in Zusammenarbeit mit dem Opernstudio (das unter Schirmherrschaft von Kammersänger Matthias Klinks steht) und als Begegungsort, der zur Kulturteilnahme einlädt.

Europäische Perspektiven

Warum denn nicht? Burkhard C. Kosminski, gebürtiger Pfullendorfer, kündigte einen hoch ambitionierten, prall bestückten ersten Spielplan an: mit 24 Produktionen. Er möchte sein Schauspiel für „unterschiedliche europäische Perspektiven öffnen“ und „die Vielsprachigkeit, die Stuttgart prägt“, auf der Bühne erlebbar machen, auch mit einer Installation des Künstlers Tobias Rehberger im Oberen Schlossgarten zum Saisonstart.

Der neue Schauspielchef verpflichtete internationale Regisseure wie Robert Icke, Mateja Koleznik, Oliver Frljic, Milo Rau und Calixto Bieito. Auch das Autorentheater ist ihm eine Herzensangelegenheit; im Kammertheater, dem künftig zweiten zentralen Ort für das Schauspiel, werden etwa Texte von Clemens J. Setz und Nis-Momme Stockmann uraufgeführt. Kosminski selbst, der einzige regieführende Intendant im neuen Trio, bringt zum Auftakt Wajdi Mouawads Familiensaga „Vögel“ heraus, das neue 2017 am Pariser Theatre national de la Colline uraufgeführte Stück des Frankokanadiers, das vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts spielt. Die Aufführung spielt mit vier Sprachen (Deutsch, Hebräisch, Arabisch und Englisch), und besonders stolz zeigt sich der Schwabe Kosminski, weil der israelische Star Itay Tiran mit dabei ist, ja künftig zum Stuttgarter Ensemble gehören wird. „Werden Sie nicht müde ob des riesigen Angebots und kommen Sie, wir sind irre neugierig auf Stuttgart und freuen uns auf Sie.“

Mit den wenigsten Fragen ist gewiss der Start von Tamas Detrich (58) als Intendant des Stuttgarter Ballets behaftet. Der gebürtige New Yorker gehört seit 40 Jahren der weltberühmten Compagnie an, als Tänzer, Ballettmeister, Stellvertreter Reid Andersons. Und jetzt als Chef erinnert Detrich beim Gespräch nicht nur an Andersons Rede-Sound und -Stil, er pflegt naturgemäß das Erbe John Crankos und bricht mit „Onegin“ und „Schwanensee“ zu einer Japan-Tournee auf.

Unter dem Motto „One of a Kind“ (einzigartig) steht seine erste Spielzeit, und so heißt auch eine abendfüllende Choreografie Jiri Kyliáns, der just vor 50 Jahren seine Weltkarriere als Tänzer in Stuttgart begann. Allenthalben  Tradition und ruhmreiche Geschichte: Der 80-jährige Jürgen Rose, Crankos legendärer Ausstatter, liefert das Bühnenbild für Kenneth MacMillans Ballettabend „Mayerling“ über die letzten Tage des habsburgischen Kronprinzen Rudolf. Fraglos vielversprechend auch der Ballettabend „Aufbruch!“ mit drei Uraufführungen aus Anlass des Bauhaus-Jubiläums 2019.

Ein Riesenprogramm also der drei Stuttgarter Staatstheater-­Sparten. Jetzt erwartet das Publikum ziemlich gespannt die Antworten auf der Bühne.

Die drei Sparten: Die großen Premieren der Saison 2018/2019

1 Die Staatsoper zeigt als erste Neuproduktion Wagners „Lohengrin“ am 29. September (Regie: Arpad Schilling, musikalische Leitung: Cornelius Meister). Weitere große Premieren: Prokofjews „Die Liebe zu drei Orangen“ (Axel Ranisch, Alejo Pérez), Henzes „Der Prinz von Homburg“ (Stephan Kimmig, Meister), „Nixon in China“ von John Adams (Marco Storman, André de Ridder), Glucks „Iphigénie en Tauride“ (Krzysztof Warlikowski, Stefano Montanari) und „Mefistofele“ von Arrigo Boito (La Fura dels Baus, Daniele Callegari).

2 „Shades of White“ heißt die erste Premiere des Stuttgarter Balletts am 13. Oktober mit dem Cranko-Klassiker „Konzert für Flöte und Harfe“. Es folgen die Ballettabende: „One of a Kind“ (Jiri Kilian), „Aufbruch“ (mit Uraufführungen von Nanine Linning, Katarzyna Kozielska und Edward Clug), „Mayerling“ (Kenneth MacMillan), und „Atem-Beraubend“ (mit Choreografien von Akram Khan, Johan Inger und Itzik Galili).

3 Im Schauspiel Stuttgart inszeniert Intendant Burkhard C. Kosminski selbst die erste Premiere am 16. November: „Vögel“ von Wajdi Mouawad. Weitere Neuproduktionen im Schauspielhaus (Auswahl): „Orestie“ nach Aischylos (Regie: Robert Icke), „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ von Theresia Walser (Kosminski), Shakespeares „Romeo und Julia“ (Oliver Frljic),  Grillparzers „Medea“ (Mateja Koleznik), Hauptmanns „Die Weber“ (Georg Schmiedleitner), Ibsens „Die Wildente“ (Elmar Goerden), Molières „Der Menschenfeind“ (Bernadette Sonnenbichler). „Die sieben Todsünden“ von Kurt Weill und Bertolt Brecht (Anna-Sophie Mahler) sind eine Koproduktion aller Sparten. Calixto Bieito inszeniert „Bernarda Albas Haus“ von Federica Garcia Lorca, Achim Freyer „Der Goldene Topf“ von E.T.A. Hoffmann.