Stuttgart Sprung ins Ungewisse

Zwei Hälften einer Frau: Ana Durlovski als püppchenhafte Zerbinetta (vorne) und Christiane Iven als Ariadne in Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer
Zwei Hälften einer Frau: Ana Durlovski als püppchenhafte Zerbinetta (vorne) und Christiane Iven als Ariadne in Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer
Stuttgart / OTTO PAUL BURKHARDT 22.05.2013
Die Uraufführung 1912 in Stuttgart war eher ein Fiasko. Jetzt feierte eine umgedrehte "Ariadne" dort Premiere - erst die Oper, dann das Vorspiel. Gute Idee: Ein paar Buhs zwar, dafür langer, stürmischer Beifall.

Ein seltsames Treffen ist das. Ariadne, ganz Grande Dame in langen schwarzen Wallegewändern, trauert auf einer "wüsten Insel" hoch erotisiert ihrem Geliebten nach. Derweil versucht Zerbinetta, ein leichtlebiges Spaß-Girl in weißem Tüllpüppchen-Outfit, Ariadne mit bemühten Clownerien aufzuheitern. Die eine fantasiert sich ins "Totenreich", die andere schwärmt von "frechen Gefühlen". Kurz, mit Ariadne und Zerbinetta begegnen sich zwei Hälften einer Frau. Ja, was Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in "Ariadne auf Naxos" ausgetüftelt haben, hat etwas mit literarisch veredelter, auskomponierter Schizophrenie zu tun.

Der Clou der neuen Inszenierung an der Oper Stuttgart, die am Montag Premiere hatte, ist freilich ein andrer. Jossi Wieler und Sergio Morabito (Regie und Dramaturgie) haben die Anordnung der üblichen "Ariadne"-Teile - Vorspiel (1916) und Oper (1912) - umgedreht. Auf den Kopf - oder vielmehr auf die Füße gestellt. Sprich: erst die Oper, dann das Vorspiel. Eine Idee, die Sinn macht. Denn nach der Oper über zwei entgegengesetzte Frauencharaktere lässt sich dieses Vorspiel besser deuten - als schwarzhumoriges Nachspiel. Als weiterführenden Albtraum, als böses Scherzo, in dem eine ähnliche "Ariadne"-Oper aus der Feder eines jungen Komponisten total verschandelt wird, plattgemacht durch ein gleichzeitig gespieltes, heiteres, unkompliziertes Werk.

Warum? Weil es das Amüsier- und Sparbedürfnis des Geldgebers so will. So richtig pikanten Drive bekommt diese neue Lesart noch durch einen Beitrag im Programmheft: Da wendet sich Thomas Wördehoff, künstlerischer Chef der Ludwigsburger Festspiele, in einem "ungeschriebenen Brief" an einen "fiktiven langjährigen Sponsor", der sein Fördergeld drastisch reduziert - auch als Anspielung auf den Ausstieg von Daimler als Sponsor lesbar. Und als flammendes Plädoyer für die Unabhängigkeit der Kultur. Doch zurück nach Stuttgart. Für den Opernteil hat Ausstatterin Anna Viebrock das Interieur des später zerstörten Littmann-Theaters nachgebaut, wo 1912 die Uraufführung stattfand. So singt Ariadne nicht auf einer "wüsten Insel", sondern im gepflegten Theater-Foyer mit Sesseln, Brokat und erlesenen Holzapplikationen an den Wänden.

Christiane Iven ist Ariadne: eine Verlassene, eine Trauernde, die mit großer, voller, wunderbar dunkel eingefärbter Stimme weit ausschwingende Klagegesänge in die Ferne sendet - grandios. Dass Iven in der Höhe manchmal forciert, ist kaum vermeidbar, dennoch kassiert sie dafür am Ende ein paar Buhs. Doch ihre Ariadne kann auch anders: sich aus ihrer Trauer befreien, indem sie das Foyer-Gefängnis verlässt und durchs Fenster den Sprung ins ungewisse Freie wagt.

An der Spitze der Komik-Truppe steht Ana Durlovski als Stimmungskanone Zerbinetta, die in halsbrecherisch-fulminanten Koloraturen das "trübe Schmachten" der Ariadne aufheitern will, indem sie - von Frau zu Frau - über Männer ablästert: "Treulos", "Ungeheuer, ohne Grenzen"! Bis Bacchus auftaucht, bei Erin Caves eine Art lebende Götterstatue und strahlkräftiger Tenor, der seine Starrheit ablegt und, erotisch entflammt für Ariadne, mit Stuhlkissen um sich wirft.

Vorzüglich: die 36 Mitglieder des Staatsorchesters, die unter Michael Schønwandt die Strauss-Melodien blühen und leuchten lassen. Und das Nachspiel wirkt bei Wieler/Morabito wie eine angehängte, bittere Satire: auf einen Geldgeber, der die Oper eines jungen Komponisten (kämpferisch: Sophie Marilley) mit heiteren, massentauglichen Beigaben kaputt macht. Die Bühne? Leere Stuhlreihen, ein Video mit Autoverkehr vor der Staatsgalerie.

Und wir sehen Künstler, die derlei Kniefälle vor dem angeblichen Publikumsgeschmack deprimiert zur Kenntnis nehmen. Ein Endspiel also? Nicht ganz. Denn am Schluss nimmt der Komponist wieder das Heft in die Hand, verteidigt seine Kunst, geht zum Pult und dirigiert die letzten Takte selbst - mit einem Triumphschrei. Tolle Stimmen, vielschichtig inszeniert. Bravo-Rufe, Jubel und lang anhaltender Beifall.

"Hübscher Zwitter" - Stationen der "Ariadne"-Geschichte
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