Konzertsäle Sparen lernen von den Schweizern

Zürich / Jürgen Kanold 07.12.2018

Sparen ist keine Kunst“, plakatiert die Bank Cler auf einer Werbetafel bunt neben dem Kunsthaus Zürich. Stimmt schon, aber der Ausländer versteht die Pointe nicht wirklich, wenn der Eintritt in die Sonderausstellung 28 Franken und das Kalbsgeschnetzelte im Museumsrestaurant 45 Franken kosten. Und doch pilgern derzeit die Kulturmacher in die Schweizer Metropole, weil es dort gelungen ist, einen verhältnismäßig billigen Konzertsaal zu bauen: in nur sieben Monaten und für gerade mal zehn Millionen Franken (umgerechnet knapp neun Millionen Euro). Die Tonhalle Maag ist eine hölzerne Wunderklangbox, bestaunt nicht zuletzt von den Münchnern, die für die Philharmonie am Gasteig auch dringend einen Interimsspielort benötigen.

Wie haben die Zürcher das nur gemacht? Die altehrwürdige Tonhalle am See wird derzeit generalsaniert, und so hat die Tonhalle-Gesellschaft, privater Träger des international renommierten Tonhalle-Orchesters, in die ehemalige Zahnradfabrik Maag gewissermaßen eine Holzkiste für rund 1200 Zuhörer implantiert. Spillmann Echsle Architekten entwarfen diesen schlichten, aber sehr klangvollen Konzertsaal aus nordischer Fichte nach kurzer Planungsphase, das renommierte Münchner Büro Müller-BBM tüftelte die Akustik aus.

Das Gebäude verströmt außen den Charme untergegangener Industriekultur, im Foyer prunkt nicht Stuck, sondern Werkzeugdekor. Drinnen im Saal – mit Parkett und umlaufender Galerie, saunafarben – riecht es noch immer nach Holz. Kostengünstig hatte alles sein müssen, denn die Stadt Zürich gab nur 1,6 Millionen Franken dazu, es sollte aber trotzdem den hohen Ansprüchen eines gutbürgerlichen Publikums genügen. Das scheint gelungen zu sein: Star-Dirigent Franz Welser-Möst etwa bezeichnet die Tonhalle Maag als „Gottesgeschenk“. Und schon läuft eine Nutzungsstudie in Zürich, die abklären soll, ob der Saal nach 2020 weiter bespielt werden kann, wenn das dreijährige Interim eigentlich seine Schuldigkeit getan haben wird und das Tonhalle-Orchester zurück an den See zieht. Wobei aus China schon eine Kauf­anfrage für die Saal-Konstruktion eingegangen sein soll.

Was stets eine entscheidende Frage ist bei Ausweichquartieren: Wandert auch das Abonnenten-Publikum mit ins Interim? Die Tonhalle Maag liegt in der Nähe des Bahnhofs Hardbrücke, nur eine S-Bahn-Station vom Hauptbahnhof entfernt, im Zürcher Westen, in einem neuen, gentrifizierten Quartier, neben dem Prime Tower und anderer moderner Architektur.

Vor einem Jahr eröffnete die Tonhalle Maag, jetzt läuft die zweite Saison – und die Kassen-Bilanz sieht gut aus. 80 Prozent der Abonnenten sind der Tonhalle-Gesellschaft treu geblieben. Das seien sogar fünf Prozent mehr als erhofft, wie Pressesprecherin Eva Ruckstuhl sagt. Sie verweist darauf, dass im neuen Quartier ein neues, jüngeres Publikum dazugekommen sei. Und dass in der Tonhalle Maag zeitgenössische Musik, auch Filmmusikprojekte, viel besser funktionierten als im angestammten, historischen Haus am See. Interim, auch das ist eine Zürcher Erkenntnis, muss nicht allein Krisenmanagement bedeuten, sondern kann Chancen eröffnen.

Nach Zürich blicken deshalb interessiert auch die Politiker und Intendanten aus Deutschland – beispielsweise in Stuttgart soll im Wagenhallenareal (oder auch nicht dort) ein Ausweichquartier für die Oper für dann gleich rund 90 Millionen Euro entstehen. Der Münchner Kulturausschuss war auch schon da, erzählt Eva Ruckstuhl lachend, und die Bayern seien jetzt „einfach neidisch“.

In München muss das Kulturzentrum Gasteig generalsaniert werden, darunter die Philharmonie. Dutzende Grundstücke wurden geprüft, ehe sich der Stadtrat für das Stadtwerke-Areal in Sendling entschied, wo es Ende 2021 losgehen soll. Das Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner und der Akustiker Yasuhisa Toyota (er plante auch die Elbphilharmonie) haben den Auftrag erhalten für den Neubau eines Interim-Konzertsaals in Modulbauweise für 1800 Plätze, wobei der Zugang über eine denkmalgeschützte Trafohalle (mit Foyers und Garderoben) erfolgen soll.

Neidische Münchner

Die Kosten stehen noch nicht fest, sollten aber für den Konzertsaal weniger als 30 Millionen Euro betragen, wie Gasteig-Pressesprecher Michael Altmann sagt. Genau sei das für den Standort Sendling aber noch nicht kalkuliert. Und der Bauantrag müsse auch erst genehmigt werden. Doch die Arbeiten fürs Interim sollen schon kommendes Frühjahr beginnen. Man darf gespannt sein.

Vorbild Zürich? „Leider gab’s in München keine Halle für eine entsprechende Holzbox“, sagt Amtmann. Sparen ist auf jeden Fall eine Kunst, allemal in Deutschland.

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Monate nur dauerte es, die Tonhalle Maag in Zürich zu bauen. Sehr schön ist das in einem Zeitraffer-Video zu sehen: www.tonhalle-maag.ch/home-tm/architektur/der-konzertsaal-1

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